Über die Prognosen von Hans Eichel machte er sich öffentlich lustig, Wolfgang Clement forderte er zum Rücktritt auf und während einer SPD-Vorstandssitzung legte Annen sich sogar mit dem Kanzler an. „Gerd, du hast die Wahl nicht alleine gewonnen“, blaffte er, als in der Parteiführung wegen der Agenda 2010 die Fetzen flogen. Schröder brüllte zurück: „Du bist doch nur Vorsitzender einer kleinen, unwichtigen Arbeitsgruppe!“ Damals war Niels Annen Vorsitzender der Jungsozialisten und einer der schärfsten Kritiker der Regierung Schröder.

„Die Sache mit Schröder“, sagt Annen heute, „das war wie das Antasten eines Sakrilegs.“ Und schiebt hinterher: „Geschadet hat es mir ja nicht.“ Seit Schröders Wutausbruch gilt der 32-Jährige als starker Mann der Linken und eine der wenigen Nachwuchskräfte der Partei. Andrea Nahles, die ihn gut kennt, lobt ihn für „seinen eigenen Kopf“ und dafür, dass er „Kurs hält, auch wenn es Gegenwind gibt“. Sie sagt, Annen sei ein „Hoffnungsträger“ für die SPD.

„Hoffnungsträger“, wiederholt er und schüttelt geschmeichelt den Kopf, „ach nein.“ Noch immer trägt er Jeans und Rucksack statt Anzug und Aktenmappe. Aber heute muss er nicht mehr kämpfen, um sich Gehör zu verschaffen – er wird auch so gefragt.

Schnell schaffte er es vom jungen Linken zum Berufspolitiker: 2001 hatten ihn die ewig zerstrittenen Jusos knapp zu ihrem Vorsitzenden gekürt. Bei seiner Wiederwahl 2003 erhielt er dann mit 74 Prozent das beste Ergebnis der Juso-Geschichte. Annen wurde Mitglied im Parteivorstand der SPD. Ein Jahr darauf verließ er die Jusos. Seit elf Jahren studierte er da schon Geschichte, Lateinamerika-Studien und Geographie in Hamburg und wollte das endlich zum Abschluss bringen. Denn immer war ihm die Politik dazwischen gekommen: Mal gehörte er zu den Beobachtern der Präsidentschaftswahlen in Nicaragua, dann wurde er Vizepräsident eines internationalen Zusammenschlusses von jungen Sozialisten, schließlich Juso-Chef. Schröders Neuwahlen warfen seine Pläne wieder über den Haufen. Ein weiteres Mal unterbrach Annen sein Studium, dieses Mal, um Abgeordneter zu werden. „24 Semester Berufsstudent. Was bringt so einer im Bundestag?“, titelte die Bild-Zeitung prompt im Wahlkampf über das „SPD-Milchgesicht“.

„Das ist nicht spurlos an ihm vorbei gegangen“, sagt Jan Pörksen, der Annen gut kennt. Pörksen ist Kreisvorsitzender der SPD in Hamburg-Eimsbüttel und ein enger Freund. 2005 führten sie gemeinsam einen Wahlkampf gegen den Trend. „Abends sind wir oft zu mir gefahren“, erzählt der 41-Jährige. „Niels hat mit den Kindern gespielt oder wir haben einfach nur zusammen gesessen, Rotwein getrunken und Fußball geguckt.“ Annen könne Fehler, zeige sich aber trotzdem loyal der Partei gegenüber. „Er erklärt viel, um sein Denken nachvollziehbar zu machen und dadurch zu überzeugen“, sagt Pörksen. Im Wahlkampf habe es eine große Begeisterung unter den SPD-Mitgliedern gegeben, „eine Euphorie und Aufbruchstimmung, wie es sie noch nie in Eimsbüttel gegeben hat“. Annen holte 45 Prozent der Stimmen.