Sechs Uhr morgens, Hamburg-St.Pauli. Zwölf verschlafene, alte Männer steigen in einen bereitstehenden Doppeldecker-Bus nach Krefeld. kettcar gehen auf Tour. Abends spielen wir in Krefeld. Das bedeutet, die Crew muß Mittags vor Ort sein, um die Vorbereitungen ohne Zeitdruck zu schaffen. Die Fahrt nach Krefeld verbringen wir schlafend in unseren Kojen, die sich im Obergeschoss des Busses befinden. Die Band muß erst um 17 Uhr zum Soundcheck ran. Die Zeit bis dahin verbringe ich mit Lesen, der Playstation und einem Spaziergang durch Krefeld.

Nachmittage auf Tour ziehen sich oft ewig hin. Erst nach dem Soundcheck passiert alles wie im Zeitraffer. Es gibt das langersehnte Abendessen, die erste Band spielt (in diesem Fall die großartigen "Pale"), wir werden langsam nervös, singen uns warm und schon stehen wir auf der Bühne. Das Krefelder Publikum ist uns gnädig, singt mit und treibt uns an ein gutes Konzert zu spielen. Nach anderthalb Stunden verlassen wir glücklich die Bühne und stoßen mit Pale an. Auch der restliche Abend verläuft bestens. Der Alkohol fordert seine Opfer und die Standhafteren bzw. Enthaltsameren unter uns vergnügen sich bis zur Abfahrt um zwei Uhr morgens damit, am Merchstand Paninibilder zu tauschen und in der Indie-Disco Getränkegutscheine zu verjubeln.

Der nächste Morgen beginnt in einem abgehalfterten Rockschuppen namens "Der Hirsch" in der Nürnberger Südstadt. Genauer gesagt: mitten im Industriegebiet. Eingekeilt zwischen Siemens und MAN, versuche ich mich an der Morgentoilette: Rasieren (ohne Spiegel) und Duschen (ohne warmes Wasser). Immerhin gibt es eine Toilette mit Klobrille. Mit Spülung allerdings nur, wenn man den Deckel des Wasserkastens abmontiert und ins Spülwasser greift. Ich liebe diesen "Glam" auf Tour. Um den Kater loszuwerden, mache ich einen Spaziergang in die Innenstadt. Da Vatertag ist, hoffe ich, hunderte besoffener Familienväter mit Bollerwagen zu sehen. Leider ist die Stadt bis auf zwei wackere Herren, die ihren Privatgrill in einer Ecke des Marktplatzes aufgestellt haben, vollkommen ausgestorben.

Zurück im Hirschen hat sich nichts verändert. Meine Bandkollegen spielen (drei Stunden später!) immernoch Fussball – auf ihren PSPs. Eines muß man der Playstation lassen. Sie bringt eine nie gekannte Ausdauer in den Sport. Im Laufe des Nachmittags treffen mit bester Laune Pale ein. Sie haben die Fahrt vom Pott nach Nürnberg damit verbracht, eine Stadionhymne für ihren Verein Alemannia Aachen zu texten und sind offensichtlich sehr zufrieden damit. Der beginnende Abend verläuft im Großen wie der vorherige. Wir bewundern das energievolle Pale-Konzert, spielen selbst und holen uns danach völlig durchgeschwitzt im bitterkalten Backstageraum, der aus einem neben dem Gebäude abgestellten Container besteht, den Tod. Um drei Uhr nachts fährt unser Bus weiter Richtung Saarland.

Das Rocco del Schlacko ist unser erstes Open Air Festival des Jahres und empfängt uns – mit Regen. Wir ahnen schon jetzt die bittere Wahrheit. Es wird den ganzen Tag regnen. Es wird regnen, wenn wir spielen, und es wird regnen, wenn wir wieder fahren. Egal. Die Veranstalter sind sehr nett und wir freuen uns auf tolle Bands, wie z.B. The Robocop Kraus. Bald nach uns kommen auch unsere Homies Tomte und Olli Schulz an, mit denen wir nach einer großen Begrüssung gemeinsam Frühstücken gehen. Der Tag vergeht mit Interviews, dem Ausweichen von Pfützen und einem tollen Konzert von The Robocop Kraus, die in ihrem Hawaii-Bühnenoutfit nass bis auf die Haut werden. Zum Abendessen gibt es Tofuwürstchen vom Grill. Der Grillmeister ist so nett und bringt mir beim Essen Saarländisch bei. Er erklärt, er sei der Schwenker, der Grill heisst Schwenker und mein Würstchen – natürlich auch Schwenker. Ich bin begeistert. Saarland, das Land der Trinker und Schwenker. Irgendwann kommen wir auch auf seinen Beruf zu sprechen. Er ist Kommissar und hat doch tatsächlich meinen alten Bauwagen bei der umkämpften Räumung des Hamburger Bauwagenplatzes "Bambule" vom Platz gezogen. Gegen meinen Protest. Dass ich den Typen hier treffen muss. Mitten im Nichts, im Saarland, am Grill, Verzeihung, Schwenker. So nett er auch sein mag, so richtig warm werde ich mit ihm nicht mehr.