Es ist das letzte Spiel der iranischen Nationalmannschaft, bevor sie wieder in Richtung Heimat abreist, weil sie das Achtelfinale nicht erreicht hat. Allein diese Tatsache hat vermuten lassen, dass Neonazis diesen Tag für einen Aufmarsch nutzen würden – zumal der Gegner im Stadion Angola heißt. Der Judenhasser gegen die Schwarzen; so war das dumpfe Sympathiekalkül der im sächsischen Landtag sitzenden NPD. Letztendlich gekommen ist aber keiner der Rechten, und wenn doch, so hielt er sich zurück.Wer Krawalle und flaschenwerfende Neonazis erwartet hat, der findet die Ruhe geradezu bedrohlich. Nichts passiert, keiner tickt aus, alles ist friedlich. Auch die Polizei hatte sich auf anderes vorbereitet: Risikostufe vier war ausgerufen worden, 1800 Beamte abgestellt – das sind rund 500 mehr als bei allen anderen Spielen. Vielleicht war das Abschreckung genug. Denn obwohl die NPD ihre Demonstrationen abgesagt hatte, war im Vorfeld dennoch von "kreativen Werbemaßnahmen", sprich Flyern und parteieigenen WM-Planern, die Rede gewesen. Hinter dem Bundesverwaltungsgericht parken zehn Polizeiwagen, vorne auf dem Platz merkt man aber kaum etwas davon. Was dort an polizeilicher Präsenz auffällt, ist das "Kommunikations-Team" mit seinen knallgelben Westen. "Ein herzliches Willkommen den iranischen Fußballern!" steht auf einem Transparent, und direkt darunter: "Ein klares Nein zu den antisemitischen Äußerungen des iranischen Präsidenten". Ein alter Mann mit weißem Bart hält es fest und guckt etwas verängstigt in die drei Kameras, die jede seiner Bewegungen aufzeichnen. Zwei Stunden vor dem Anpfiff protestiert die Initiative Honestly Concerned vor dem Bundesverwaltungsgericht. Drei Nazis, die anfangs angerückt waren, um zu stören, sind längst schon wieder abgezogen. Statt dessen überall israelische Flaggen, die in der schwülen Mittagshitze etwas müde hängen. Umso mehr wird die iranische Fußballmannschaft beachtet – und auch geachtet, wie die Redner der Kundgebung unermüdlich betonen. Es geht hier um nicht hinnehmbare politische Haltungen, nicht um alle Iraner. "Wenn einer hier vorbeifährt und seine Flagge schwenkt, dann freut mich das!" sagt ein Sprecher von "Honestly Concerned". Wenn jemand den Holocaust leugnet, nicht. Doch wie viel Politik steckt in einem Sportereignis wie der Weltmeisterschaft?"Keine", meint ein Mitglied der jüdischen Gemeinde überzeugt. "Sport ist nur Sport. Politik hat damit nichts zu tun". Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung dagegen warnt davor, die Probleme während der WM kleinzureden. "Wir dürfen nicht die Vanillesoße eines freudigen Sportereignisses darüber gießen", meint er und runzelt die Stirn. Die Vanillesoße der Friedlichkeit wird am Nachmittag vor dem Leipziger Stadion literweise vergossen. Iranische Fans komme, behangen mit Fahnen, Perücken; einige schwitzen unter Wollschals und lächeln trotzdem. Zwei laufen herum und sprechen leise Passanten an: Tickets? Do you need Tickets? Von Nazi-Aufläufen oder verdeckten Propagandamachern ist nichts zu sehen, ebensowenig hört man obszöne Sprüche oder Beleidigungen. "Polizisten? Von denen hab ich bisher wenig gesehen. Die laufen hier immer nur zu zweit rum". Der junge Mann am Einlass zuckt mit den Schultern. "Die einzigen, die sich hier nicht friedlich verhalten, sind die Securitys", albert er und erntet einen strengen Blick von seinem Vorgesetzten. Als wenig später ein verdächtiges Päckchen in der Nähe des Stadions gefunden wird, gibt es doch noch Alarm und anrückende Sprengstoffexperten. Eine Bombe? Nein, sondern wie es an einem solchen Tag sein muss: Nur ein Paket iranischer Fanartikel.