Wie lebt man zu WM-Zeiten sportlichen Nationalstolz - ohne realistische Aussichten darauf, in absehbarer Zeit zur ernstgenommenen Fußballwelt dazuzugehören? Wenn man sich seit der WM 2002 vom zweitletzten Platz in der FIFA-Rangliste (202) gerade mal auf Position 190 hochgearbeitet hat?

Eigentlich bleibt da nur eines: Fremdidentifikation. Beim Spiel Schweiz gegen Südkorea ist die beliebte "Om Bar" von ein bis drei Uhr morgens gefüllt mit lautstarken Fans, die der letzten verbleibenden asiatischen Mannschaft fieberhaft die Daumen drücken. "Zeigt denen, was wir können!", schreit einer von hinten. Irgendwann in der zweiten Halbzeit allerdings räumt derselbe junge Mann verschämt grinsend ein: "Ich habe eigentlich viel Geld auf die Schweiz gewettet - aber jubeln tu ich für Südkorea...". Barbesitzer Tashi stimmt zu: "Würde Indien mitspielen, wäre das für uns fast, als wäre Bhutan selbst dabei."

Dabei - mal abgesehen vom Fußball (so schwer es auch fallen mag) - bezieht Bhutan einen großen Teil des Nationalstolzes aus der Tatsache, dass es dem Land seit jeher gelungen ist, sich trotz geographisch prekärer Lage und der gerade 630,000 Einwohner die Unabhängigkeit zu bewahren - sowohl von den Nachbarn Indien und China als auch von europäischen Großmächten mit ihren kolonialen Begierden. Mit wirtschaftlicher Stärke können die Buthaner auch nicht protzen. Sie betreiben fast ausschließlich Landwirtschaft in abgelegenen Bergdörfchen. Das Land hat immer noch den Status eines "least developed country". Deshalb betonen die Buthaner ihre traditionellen Tugenden: Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zum Beispiel.

Im Alltag erlebt man das immer wieder bei Trampversuchen: Die Chance, dass das erste Auto anhält, stehen etwa bei 90 Prozent. Und nicht selten wird der Fahrer darauf bestehen, größere Umwege in Kauf zu nehmen, um einen genau am Zielort abzusetzen. Unvermeidlich ist bei solchen Fahrten die Frage, wie man sich denn in Bhutan fühle. "Alles sehr klein und ruhig hier, nicht wahr? Für euch Europäer sicher langweilig. Aber dafür friedlich und die schöne Natur. Überall sonst wird man auf der Straße angeschossen." Für den Durchschnittsbhutaner scheint sich die gesamte restliche Welt in irakähnlichen Zuständen zu befinden.

Patriotisch zu sein bedeutet in Bhutan in erster Linie, das Gemeinschaftswohl vor die Verwirklichung individueller Wünsche zu stellen. Da ist zum Beispiel die junge städtische Elite, die mit Hilfe von Regierungsstipendien oft im Ausland ausgebildet wird, dann aber höchst zuverlässig nach dem Studium zurückkehrt - vom viel lamentierten "brain drain", unter dem so viele andere Schwellenländer leiden, ist in Bhutan nicht viel zu spüren.