Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, habe ich jedes Mal eine neue Variante meiner Lebensgeschichte parat. Ich frage mich dann, ob ich die lange Version erzählen soll oder es lieber kurz halte. Meistens mache ich die Antwort von meinem Gegenüber abhängig – ist es Ossi oder Wessi?

Zunächst zu meiner Lebensgeschichte: Ich bin in Bonn geboren und habe da insgesamt sieben Jahre gelebt – mit einer Unterbrechung von zweieinhalb Jahren in Washington D. C. Nach der Wende, als ich zehn Jahre alt war, haben meine Familie und ich aber in die "falsche" Richtung "rübergemacht" – so sagen es zumindest Wessis, wenn sie eine witzige Bemerkung zu meiner Biographie machen wollen. Wir zogen nach Dresden, einer Stadt, die mich im Alter von zehn Jahren auf dem Fahrrad über tausend Schlaglöcher fahrend zu der Aussage zwang: "Wir müssen die Entwicklungshilfe abschaffen. Das Geld muss in die Scheißstraßen gesteckt werden."

Kurze Zeit nach meinem Umzug in den Osten besuchte ich meine Verwandtschaft in Bonn. In einem Supermarkt hörte ich eine Kassiererin schreien: "Sollen sie doch die Mauer wieder aufbauen, am besten noch drei Meter höher, der Lafontaine hat doch mit allem Recht!" Mit Panik dachte ich daran, nun da drüben eingesperrt wohnen zu müssen und nicht mehr nach Hause, geschweige denn irgendwo anders hinfahren zu können.

In Dresden hatte ich meinen ersten Kuss – mit einem Jungen, der einen Trabbi fuhr, ich habe dort meinen ersten Rausch ausgeschlafen, meine erste CD gekauft und schließlich auch mein Abitur gemacht. Meine Schule war übersät von Wessis, wir haben da die Ausländerquote in die Höhe getrieben. Aber ich habe mich wohl gefühlt; anders zwar, aber nicht einsam oder fremd.

Dennoch wollte ich nach der Schule nur eins: zurück in den Westen, in meine Heimat. Dass es meine Heimat sei, da war ich mir sicher. So wurde es mir als Wessi im Osten schließlich immer vermittelt.