Neulich auf einem Open-Air-Festival: Tausend stark schwitzende Studenten drängeln sich vor einer Bühne. Obendrauf stehen zwei Typen in diskokugelig glitzernden Ganzkörperanzügen. Im Hintergrund scheppern Laptop-Beats, im Vordergrund rappen die Typen: "Sie sagen: Mach das leiser! Und du sagst:" Tausend Münder schreien: "Nein!" Wie ein Mantra wird das Ganze wiederholt, bis einer der Rapper erklärt: "Denn du willst alles auf der Welt, nur nicht so wie sie sein." Die beiden Typen, das ist die Mediengruppe Telekommander , so haben sie sich selbst vorgestellt, als sie die Bühne betraten. Wer dagegen "sie" sind, darüber schweigt sich die "Mediengruppe" aus. Wahrscheinlich sind die Üblichen gemeint, die sich über unsere Mucke beschweren: Eltern. Nachbarn. Erwachsene. Apropos Erwachsene: Was hören die eigentlich für Musik?

Ein paar Tage später schaue ich nach, im laut Eigenwerbung größten Elektromarkt Deutschlands. Über 120 000 CDs sollen hier stehen, darunter bestimmt auch solche, die Erwachsene mögen. Intuitiv steuere ich aus der Ecke "Techno/Trance" in Richtung "Folklore/Weltmusik" und "Jazz". Auf dem Weg begegnet mir eine Seniorin, die ihre pinke Regenjacke sportiv um die Hüften geschwungen trägt und interessiert vor einem Regal namens "Nord-Deutsch" steht. 100 Meter weiter blättert ein junggebliebener Langhaarträger durch "Heavy zum Sonderpreis". Im Folklore-Bereich interessiert sich ein Besserverdiener mit weiß-grauen Haaren, grau-grauem Anzug und schwarz-grauen Schuhen für das grün-graue Cover von Ramblin' Jack Elliots "I stand alone". Am Abhörständer um die Ecke wedelt ein betagter Rucksackträger, Typ "Deutscher Tourist", mit einem Soloalbum des Prog-Rock Schlagzeugers Bill Bruford . Alle vier sind erwachsen. Ein DJ-Set, dass sie alle gemeinsam zum Tanzen bringt, ist trotzdem unvorstellbar. Wenn aber ständig von "Jugendkultur" die Rede ist, wenn es um Musik geht, dann muss es doch auch "Erwachsenenmusik" geben - oder etwa nicht?

Experten dafür, wer welche Musik hören will, sitzen an den Schreibtischen des amerikanischen Muzak-Konzerns . Vor 70 Jahren, als Muzak noch jung war, produzierte die Firma sogenannte F-Musik . Sie war nicht künstlerisch, sondern diente einer Funktion und wurde nach einer strengen Formel produziert: Muzak vermarktete Neueinspielungen bekannter Melodien, deren Tempo entsprechend dem menschlichen Puls auf circa 70 bpm gedrosselt war, eingepackt in einem Wattemantel aus Hall. Die Tracks baten keinen Gesang und keine ausufernden Soli – Muzaks Musik sollte so klingen, dass man sie wahrnahm, aber nicht hinhörte. "Environmental Music" nannte man das, frei übersetzbar als "Hintergrundgedudel". Es war nur eine Frage der Zeit, bis gelästert wurde, der Name Muzak setze sich wohl zusammen aus den Wörtern "music" und "Prozac" , einem Anti-Depressivum mit einem umfangreichen Katalog an Nebenwirkungen .

"Fahrstuhlmusik" ist eine weitere, auch in Deutschland gebräuchliche Bezeichnung für diese Art von Musik. Der Begriff entstand, als im frühen 20. Jahrhundert in us-amerikanischen Städten die Hochhäuser aus dem Boden schossen. Menschen waren plötzlich gezwungen, sich auf ihrem Weg ins Büro auf engstem Raum in die Höhe ziehen zu lassen. Um die klaustrophobische Situation abzuschwächen, half es, wenn da noch etwas anderes war, als der heiße Atem des Vorgesetzen im Nacken: Fahrstuhlmusik. Vor knapp zehn Jahren verlagerte der Muzak-Konzern jedoch seinen Schwerpunkt. Statt Audios für Architektur macht er nun "Audio Architecture" und stellt Originalaufnahmen verschiedenster Genres zu Soundtracks für Clubs, Coffee-Shops und Shopping-Malls : Musikcompilations, die auf spezielle Zielgruppen abgestimmt ist. Auf Erwachsene, zum Beispiel.

Muzak unterscheidet in den Beispielstreams auf der Firmenwebsite grundsätzlich vier unterschiedliche Arten von Erwachsenen. Männer und Frauen zwischen 25 und 85 Jahren mögen demnach am liebsten Frank Sinatra. Urbane Erwachsene zwischen 25 und 50 Jahren R'n'B und Soul. Hippe, entspannte Erwachsene bis 42 stehen auf Alternative Rock. Und 30- bis 50-Jährige mögen ganz allgemein "stylish pop, modern soul, jazzy vocals and Latin rhythms". So ähnlich sagt es auch Markus Langemann. "Positiv, leidenschaftlich, relaxed und stylish", sei das Programm, das "Deluxe Television" zusammengestellt hat, so der Geschäftsführer des "ersten Musiksenders für Erwachsene". Was das genau bedeutet? Keine Boygroups, keine Klingeltöne und keine Werbung für Akne-Creme, sagt Langemann. Vielen Dank, sehr konkret – keine weiteren Fragen.