Blitzlichtgewitter. Hektik hinter der Kamera. Gelassenheit davor. Immer lächeln. Ein Filmfestival bedeutet Glamour, Stars und Sternchen. Auch in Bosnien-Herzegowina, wo sich das „Sarajevo Film Festival“ von dem Kellerkino, das es zu Kriegszeiten einmal war, zu einem internationalen Kulturevent entwickelt hat. Der rote Teppich wurde dabei zur Bühne – nur das Publikum fehlte. Denn die meisten Bosniaken, Kroaten und Serben waren (genau wie ich) vom exklusiven Wettbewerbs-Programm ausgeschlossen und guckten stattdessen im Rahmenprogramm des Festivals Sexfilme im Hinterhof, Kriegsfilme im Kulturcenter oder Blockbuster unter freiem Himmel. Vom 18.-26. August fand zum 12. Mal das „Sarajevo Film Festival“ statt. In den Kategorien Spielfilm, Kurzfilm und Dokumentarfilm wurden Preise vergeben. Im Mittelpunkt steht das „Herz von Sarajevo“, das an den besten Film, den besten Schauspieler und die beste Schauspielerin vergeben wird. Zusätzlich gibt es Sonderpreise wie den „Human Rights Award“.© Zuender / cl © Zuender / Mareike Engels BILD Programmdirektorin Elma Tataragić war schon bei der heimlichen Gründung des Festivals während des Bosnienkrieges dabei

Vom 18. bis 26. August fand das zwölfte „Sarajevo Film Festival“ statt, bereits das elfte Mal zu Friedenszeiten. Mit über 100.000 Besuchern ist es inzwischen eines der wichtigsten Kulturereignisse Bosnien-Herzegowinas. Die begehrteste Auszeichnung des Wettbewerbprogramms, das „Herz von Sarajevo“ für den besten Film, ging dieses Jahr an „Das Fräulein“ von Andrea Štaka. Die deutsch-schweizerisch-bosnische Koproduktion konnte sich bei der Jury gegen die anderen regionalen Filme durchsetzen und gewann damit nach dem „Goldenen Leoparden“ in Locarno nun die zweite Auszeichnung. Die Jury honorierte die einfühlsame Erzählung der Beziehung dreier Frauen, die aus verschiedenen Gründen aus (Ex-) Jugoslawien ausgewandert sind.

Doch die meisten der Festivalbesucher haben den Film nicht gesehen; die wenigsten sind nur in die Nähe des Wettbewerbs-Programms im Nationaltheater mit den roten Teppichen gekommen. Zu rar sind die Plätze. Doch wegen des Glamours und des offiziellen Wettbewerbs war ohnehin kaum jemand hier – die meisten kamen wegen der 165 Filme, die im Rahmenprogramm gezeigt wurden. Nur neun Spielfilme und einige Kurz- und Dokumentarfilme liefen im offiziellen Wettbewerb und damit im Nationaltheater. Aber auch alle anderen Vorführungen in den zehn Festival-Kinos waren ausverkauft.

Das besucherstärkste Programm ist das „Children`s Programme“. Die europäischen Streitkräfte EUFOR hatten es tausenden Kindern aus dem ganzen Land ermöglicht, zum Festival nach Sarajevo zu kommen. Sie konnten sich unter anderem „Wild Chicks“, in Deutschland bekannt unter dem Titel „ Die wilden Hühner “, anschauen. Die  TeenArena-Vorführungen am frühen Abend werden mit lautem HipHop eingeleitet. Gezeigt werden hier Liebesgeschichten, Rassismusdramen oder Sozialstudien. Auch der deutsche Film „ Wholetrain “ wurde gezeigt und als bester Beitrag im TeenArena-Programm ausgezeichnet.

Erstaunlich waren die Reaktionen der Zuschauer. Lautes Klatschen bei Gefühlsduseleien, wildes Toben beim Happy-End – das Publikum ging mit. Elma Tataragić, Programmdirektorin des Filmfestivals erklärte: „Unser Publikum möchte mit den Filmen während der Vorführung kommunizieren. Wenn ihnen ein Film nicht gefällt, dann gehen sie auch ohne zu zögern raus.“ Und tatsächlich gab es bei mehreren Filmen flüchtende Zuschauer. So zum Beispiel am Montagabend bei der Vorführung des chilenischen Films „ In Bed “, der von einem One-Night-Stand handelt. Expliziten Sex gibt es zwar nicht zu sehen, dennoch wurde es einigen Zuschauern zu viel - sie verließen das Kino im Hinterhof eines Wohnviertels.

Elma Tataragić ist nach sieben Tagen Festival „quite satisfied“, alles lief „smooth“. Tataragić war bei der heimlichen Gründung des Festivals während des Bosnienkrieges dabei und wählt seitdem die Filme für das Wettbewerbsprogramm aus. Einen Favoriten hatte sie nicht: „Ich liebe alle Filme, die ich aussuche, für einen besten könnte ich mich gar nicht entscheiden. Das überlasse ich lieber der Jury.“

Und auch das Publikum wird bald die wichtigsten Filme aus dem Nationaltheater zu sehen bekommen. Ganz ohne Glamour – auf dem DVD-Schwarzmarkt.