Über den 11.September ist fast alles geschrieben. Jeder kennt die Bilder, jeder weiß, was danach kam. Und jeder kann seine Geschichte erzählen . Meine gleicht den meisten: Jemand ruft mich zum Fernseher, ich sehe den ersten Turm einstürzen, dann den zweiten. Peter Klöppel auf RTL. Das Gefühl, dass etwas schlimmes passiert ist. Etwas, das die Welt verändern wird. Habe ich erwähnt dass ich noch tanken war, weil ich mit explodierenden Ölpreisen rechnete? Egal.

Heute, fünf Jahre später, bin ich seit zwei Wochen in New York, fast ein ganzes Jahr liegt vor mir. Ich denke nicht oft an den 11. September, wenn ich durch Manhattan laufe, das mir noch zu groß und fremd ist. Doch das Loch am Ende des Path Trains, der Tag für Tag zehntausende Pendler aus New Jersey in die Stadt bringt – es existiert.

Ich treffe John und Joe im News-Cafe am University Place. Sie sind Musiker, Joe ist Drummer und John der Frontmann einer kleinen Band aus Brooklyn. Sie nennen sich John Carpenter.

Gleich, nachdem ich die 9-11-Frage gestellt habe, wird mir bewusst, was es heißt, in einem Cafe in Manhattan einen New Yorker darauf anzusprechen. Es ist die blöde Frage eines deutschen Greenhorns. So leicht kann ich hier jemanden verletzen, oder Erinnerungen wecken, in die niemand gestürzt werden will. Vielleicht hat John seinen besten Freund verloren oder Joe seine Frau? Waren ihre Kinder auf der Grundschule gleich neben dem World Trade Center? Ich verfluche meine Naivität, wie damals an der Tankstelle.

Es ist Joe, der zu erzählen beginnt. "Ich saß in der U-Bahn von Brooklyn nach Manhattan, als wir auf der Mitte der Manhattan-Bridge stoppten. Ich konnte wie durch ein Panoramafenster den Einschlag des zweiten Flugzeuges verfolgen." Die Bahn fuhr schließlich weiter bis zur nächsten Station, Joe ging zu Fuß zur Arbeit an der Canal Street. Von der Dachterasse seines Bürogebäudes sah er die Türme einstürzen, ging danach zu Fuß nach Brooklyn zurück in seine Wohnung, die er in den folgenden zwei Wochen nur verließ, um Essen und Wasser zu besorgen.