Es begann eines Nachmittags im Nachbardorf – ich wollte nach Hause, hatte kein Auto und da ich nicht laufen wollte, streckte ich einfach mal den erhobenen Daumen raus. Wenige Minuten später saß ich auf der Rückbank eines grünen VW-Passats. Das Pärchen setzte mich sicher und komfortabel 100 Meter von meiner Haustüre entfernt ab.

An diesem Tag hat sich für mich eine neue Welt eröffnet: Ich wurde zum Routine-Tramper. Von nun an stellte ich mich fast jeden Morgen an die Bundesstraße und streckte meinen Daumen nach oben, um für meine Vorlesungen nach München zu kommen. Jedes einzelne Mal hielt ein Auto an – das hat sich bis heute nicht geändert.

Sehr schnell lernt man, sich so zu verhalten, dass man auch mitgenommen wird. Am wichtigsten ist ordentliches Aussehen. Denn beim Trampen gilt: Der Autofahrer muss innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden, ob er den armen Tropf am Straßenrand sympathisch findet und anhält. Also meidet Mützen, Kapuzen oder Jacken mit hohem, weit ins Gesicht ragendem Kragen. Der Autofahrer muss das Gesicht sehen können, um den Tramper einzuschätzen – vermummte Personen sind nicht besonders vertrauenserweckend. Diese Maßnahme kann im Winter bei morgendlichen minus zehn Grad schon mal zu steifen Ohren führen. Aber was tut man nicht alles für eine Vorlesung.

Wichtig ist auch die Platzwahl. Wer nicht mitgenommen wird, hat oft schlichtweg den falschen Ort gewählt. Es nützt nichts, gut gekleidet zu sein, wenn man an einer Stelle steht, an der niemand anhalten kann. Nur sehr wenige Menschen werden einen Auffahrunfall riskieren, um einen Tramper mitzunehmen. Erfolgversprechend sind dagegen gut einsehbare Bushaltestellen und breite, nicht zu stark befahrene Straßen.

Regen ist ein Problem. Niemand will einen nassen Pudel auf seinem mit Krokodilleder bezogenen Beifahrersitz sitzen haben. Deshalb nimmt man einen Schirm mit, keine Regenjacke – er verhilft einem im Regen stehenden Tramper zu ein wenig mehr Würde.