Alle schreiben über den 11. September. Für mich persönlich wichtiger ist aber der 12. September 2001. Während die Terroristen am 11. September in anderen Köpfen Weltbilder zerstörten, war meine politische Landkarte noch einigermaßen leer: hier und da ein paar diffuse Koordinaten und ein paar Vorurteile, mehr nicht. Ich war damals gerade 15 Jahre alt und Politik bedeutete für mich, dass "die da oben" Dinge taten, die ich nicht wirklich durchschaute. Doch ab dem 12. September sollte sich das ändern. Der 12. September war der Tag, an dem ich morgens in die Schule kam und tatsächlich nichts mehr so war wie vorher, also alles genau so, wie sie es am Abend zuvor im Fernsehen gesagt hatten. Ich habe neulich mit einem guten Freund versucht, den Schultag zu rekonstruieren, was kaum möglich war. Fest steht nur: Alles war ziemlich chaotisch. Jeder kannte nur das eine Thema und alle redeten durcheinander. Die Klasse war kaum zu beruhigen, so dass wir am Ende früher nach Hause geschickt wurden, nachdem die Schulleiterin im Flur vor ihrem Zimmer einige Mädchen aus unserer Klasse heulend vorgefunden hatte. In den folgenden Wochen ging die Aufregung nur langsam zurück und noch bis zum Ende des Afghanistan-Krieges Anfang Dezember waren Nachrichtensendungen meine einzige Freizeitbeschäftigung. Als bei der Hamburger Bürgerschaftswahl knapp zwei Wochen später die Schill-Partei fast 20 Prozent der Stimmen holte, beruhigte mich das. Schließlich wollte Schill ja Sicherheit - genau wie ich. Der 12. September war der Tag, an dem ich anfing, politisch zu denken. Mag sein, dass man damit in dem Alter sowieso langsam anfängt. Aber ich wurde durch 9-11 auf eine ähnliche Weise politisiert, wie ein Nichtschwimmer schwimmen lernt, wenn man ihn ins Dreimeterbecken schubst. Anstatt differenzieren zu lernen, baute sich vor meinem inneren Auge eine bipolare Welt auf: Auf der einen Seite "wir", die Guten, auf der anderen "sie", die Terroristen. Manchmal fange ich fast an, mich zu wundern, dass die Menschen in meinem Alter unter diesen Umständen nicht alle zu fanatischen Moslemhassern geworden sind. Aber ganz schnell nach den Terroranschlägen kam der Irak-Krieg und die USA waren nicht mehr nur Opfer. Spätestens hier brach mein Gut-Böse-Weltbild zusammen: Opfer und Täter in einem geht eben nicht – außer man fängt an zu differenzieren. Da fiel mir auch auf, dass ein Senator wie Ronald Schill, der seinen Vorgesetzten Ole von Beust mit dessen Homosexualität zu erpressen versuchte, nicht gerade ein vorzeigbarer Law-and-Order-Mann ist. Und, dass eine Law-and-Order-Mentalität dem gleichen schwarz-weißen Weltbild entspricht, dem ich am 12. September beinahe verfallen wäre.

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