"Zuckerbrot und Peitsche!", meldete sich das Mädchen vor mir, rotwangig und hastig. "Sie ist stark und selbstbewusst: mal gibt sie ihm Zuckerbrot, dann wieder schwingt sie die Peitsche und er kuscht. Das Verhältnis zwischen Gerda von Rinnlingen und dem kleinen Herrn Friedemann lässt sich ganz einfach beschreiben." Während der (latent sadistisch veranlagte) Prof meines Uni-Seminars für Literaturwissenschaft zur Abwechslung mal gnädig nickte, weil er sich in seiner These bestätigt sah, dachte ich: nein. So einfach lässt es sich eben nicht beschreiben, das Verhältnis zwischen Frau von Rinnlingen und Johannes Friedemann. Was zwischen den beiden Hauptfiguren der Novelle von Thomas Mann passiert, ist viel tiefer, viel subtiler, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

"Der kleine Herr Friedemann" ist mein absoluter literarischer Liebling. Ich habe ihn gelesen, als ich in einem fatalen Verhältnis zu oben genanntem Literaturprofessor steckte, dessen Hiwis hinter vorgehaltener Hand "Schleppenträger" genannt wurden. Gleichzeitig waren seine Vorlesungen und Seminare spannend, er besaß ein unterhaltsames Wesen. Und so hatte ich ihn mir trotz all seiner Selbstverliebtheit als Prüfer meines Magisters auserkoren. Auch wenn meine Beziehung zu ihm ambivalent war; einerseits bejubelte er meine Wortmeldungen im Seminar mit einem euphorischen "Das war jetzt zum Mitschreiben!" Andererseits gab er mir für jede meiner Hausarbeiten unterirdische Noten, mit der Drohung, den Schein das nächste Mal ganz zu verweigern. Ich sei einfach nicht in der Lage, wissenschaftlich zu arbeiten. Zwischen den Vorlesungen fing er mich im Fahrstuhl ab, mit listigem Lächeln: ob ich mir nicht vorstellen könne, für ihn zu arbeiten, in den Kreis seiner "Schleppenträger"-Hiwis einzutreten. Mit Blick auf die anstehende Magisterprüfung war er alles andere als gut für mich, aber irgendwie kam ich auch nicht los von ihm, hing widerwillig an seinen Lippen, wie alle anderen auch. Bis mir der kleine Herr Friedemann begegnete. Witzigerweise die Pflicht-Lektüre im Seminar meines Peinigers.

Thomas Mann erzählt die Geschichte von Johannes Friedemann, der als Baby vom Wickeltisch stürzt und seitdem körperlich deformiert ist. Seine Umwelt sperrt ihn deshalb hinter unsichtbare Grenzen, indem sie ihm mit Befangenheit begegnet. So lernt Johannes Friedemann, sich seine eigene Welt aufzubauen. Er begeistert sich für Theater und Literatur, aber auch die scheinbar einfachsten Dinge bereiten ihm Freude am Leben: der Duft einer Blume, der Gesang eines Vogels, ein Spaziergang im Frühling. Nur Gefühle umgeht er, seit er als Schuljunge mit ansehen musste, wie eine von ihm Angebetete sich von einem Anderen küssen ließ. Seitdem sind Zuneigung und Liebe für ihn scharfkantige Eckpfeiler des Lebens, die er versucht zu umgehen.

Das ändert sich, als Friedemann als Erwachsener Gerda von Rinnlingen kennen lernt, die schöne Frau des neuen Bezirkskommandeurs der Stadt. Ein Blickwechsel auf der Straße reicht aus, um die harmonisch vor sich hindümpelnde Seele des kleinen Herrn Friedemann in Aufruhr zu versetzen; er spürt sofort eine von ihr ausgehende Macht, eine Dominanz, die ihn ängstigt, abstößt – und ihn gleichzeitig süß und seltsam anzieht (was er mit Verliebtsein verwechselt). Obwohl er ahnt, dass ihm die Sache nicht gut tut, tragen ihn seine Beine wie von alleine zu Gerdas Haus. Diese zeigt sich zunächst erfreut, schlägt vor, gemeinsam zu musizieren. Vertraut sich ihm an, offenbart eine traurige Seelenschwärze, die im Widerspruch steht zu ihrer schönen Hülle. Anschließend verspottet sie Friedemann - nicht nur für seine körperlichen Gebrechen, sondern vor allem für seine lebensbejahende Einstellung, die er trotz allem hat.

Mich verblüffte die Tiefe, in die Thomas Mann mit nur wenigen Worten vorstieß. Die Tatsache, dass Gerda Johannes fertig machen kann, macht sie nicht stark, sie ist keine selbstbewusste Peitschen-Schwingerin – sie ist eine Leidensgenossin vom kleinen Herrn Friedemann. Während er körperlich entstellt ist, leidet sie unter einer ebenso starken Deformation – aber nicht äußerlich, sondern innerlich. Zwischen den Zeilen ist deutlich herauszufühlen, wie gerne sie unbewusst ihr Dasein einer grundlegenden Veränderung unterziehen würde und doch selbst ihr größtes Hindernis ist. Dass sie nicht imstande ist, für sich zu sorgen, im Augenblick zu leben, Glück zu verspüren. So ist sie ähnlich in sich eingesperrt, wie Johannes. Der jedoch führt ihr vor, dass es möglich ist, aus der Not eine Tugend zu machen. Dass es möglich ist, im Augenblick zu leben, seine Schönheit zu genießen, obwohl man Defizite hat. All das lässt Gerda einen unbändigen Hass verspüren auf Friedemann, der ihr vorgaukeln will, das Leben wäre schön. Und auf ihr inneres Unvermögen, ihre Unzulänglichkeit, die sie nun am kleinen Herrn Friedemann äußerlich wiederentdeckt.