Diese Woche beginnt wie jede Woche. Wir wachen am Montagmorgen auf. Es wird das letzte Mal sein für eine ziemlich lange Zeit. Doch das ahnt noch keiner. Erst mal Kaffee machen, dann gehen wir zur U-Bahn. Die anderen freuen sich auf den Brückentag , die dicke Bäckersfrau kommt ordentlich ins Schwitzen, ab 11 Uhr sind die Einkaufszentren verstopft, die Cafés auch. Ein schöner fauler Montag. Am Abend ist niemand müde.

Am Dienstag hat Reinhold Beckmann Augenränder. Die Abschlussgala zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel erzielt dennoch die höchste Einschaltquote in der Geschichte des NDR. Während der Fernsehübertragung telefoniert Kurt Beck mit dem deutschen Astronauten Thomas Reiter auf der Internationalen Raumstation . Der erzählt, er habe nachts nicht schlafen können und die ganze Zeit aus dem Bullauge der ISS geschaut. Europa sei so seltsam hell gewesen. Später in der Nacht übertreffen die Quoten der Sendung " Die schönsten Bahnstrecken Europas " sogar die der Beckmann-Show. Die Führerstandsmitfahrt von Oslo nach Bergen wird von 58 Millionen Menschen gesehen.

Am Mittwoch schlagen die Apotheker Alarm. Alle Beruhigungsmittel sind ausverkauft, die Tagesschau zitiert einen Experten: "Mit Tabletten lassen sich Schlafstörungen nur bedingt beheben. Besser ist es, sich zu beschäftigen. Lesen zum Beispiel hilft, Fernsehen dagegen macht alles nur noch schlimmer." Trotzdem hat der Kurzauftritt von Thomas Reiter in " Salto Orbitale " im ZDF 65 Millionen Zuschauer. Bei den Kölner Stadtwerken brennt ein Umspannwerk durch – der Stromverbrauch war um ein vielfaches höher als in gewöhnlichen Nächten. Was danach geschieht, lässt sich auch am nächsten Tag nur unvollständig rekonstruieren. Tausende leerer Flaschen und Kerzenstummel in der Innenstadt von Köln stellen die Behörden vor ein Rätsel.

"Deutschland schläft nicht – sind wir alle verliebt?" schreit die BILD am Donnerstag . Andere Medien berichten von ungewöhnlichen Szenen in ganz Europa: In Warschau haben Hunderttausende in nur einer Nacht die Regierung gestürzt. "Konnten nicht einschlafen, mussten was machen", sagen mehrere Demonstranten lapidar in die Kameras. In Paris soll eine lachende Menge nach einer Kissenschlacht tausende Daunendecken aufgerissen und die Champs Elysees in eine Schneelandschaft verwandelt haben. Schweden meldet ein Dutzend ausgebrannte IKEA-Warenhäuser. "Betten, Schlafzimmer – die wollen, dass wir unser ganzes Leben verschlafen", sagt ein vermummter Sprecher der Aktionsgruppe "Ausgeträumt!"

Am Freitag ruft Thomas Reiter von der internationalen Raumstation aus bei Angela Merkel an: "Amerika war die ganze Nacht hell erleuchtet, irgendetwas stimmt da nicht", sagt er der Kanzlerin. Die ruft einen Krisenstab zusammen. Schnell wird deutlich: China, Australien, Russland – alle hellwach. "Wir müssen es den Menschen klipp und klar sagen – niemand hat in dieser Woche geschlafen. Wir müssen den Menschen erklären, was das für uns alle bedeutet." Ein Notprogramm wird beschlossen: Züge und Straßenbahnen fahren bis auf Widerruf die ganze Nacht, Bibliotheken bleiben rund um die Uhr geöffnet. ARD, 3sat und ARTE drehen in einer hastigen Gemeinschaftsproduktion zwanzig neue Folgen von "Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands", "Europas Bergbahnen" und "Die Angst des Lokführers vor dem Horizont". Unterdessen tanzen in den Städten die Menschen.