Würde heute tatsächlich der 57. Geburtstag der DDR gefeiert, hätte ich ein Problem. Ich müsste wahrscheinlich in meinem Betrieb Wandzeitungen basteln und Patenschulklassen herumführen. Vielleicht wäre ich auch gezwungen, irgendwem mit einem Fähnchen zuzuwinken. Wäre ich der Regierung gegenüber kritisch eingestellt, dürfte ich das nicht sagen. Niemandem. Mir würde Verfolgung durch die Polizei und die Staatssicherheit drohen.

Die DDR ist erst vor 16 Jahren untergegangen. Heute, am 7. Oktober 2006, berichten die Medien über Nordkoreas bevorstehenden Atomtest und Streit um die Gesundheitsreform. Niemand fragt, was von der toten DDR übrig geblieben ist. Es hat sich nichts verändert: Über die DDR wird nicht geredet. Einzige Ausnahme ist die Stasi. Ich lebe seit sechseinhalb Jahren im Westen. Als ich nach Hamburg kam, habe ich mich angepasst. Westdeutsche Codes verinnerlicht, meinen Dialekt abgelegt, gelernt, wer Tim und Struppi waren, was eine bundesdeutsche Jugend mit Amiga, Atari und den Mixkassetten zu tun hatte. Erst viel später wurde mir klar, dass meine früheren Landsleute und ich eine eigene Vergangenheit haben. Eine, von der auch die Anderen erfahren sollten. Warum diese Komplexe? Bis dahin fiel es mir schwer, darüber zu reden, wo ich herkam. Nun wurde ich selbstbewusster: Ich kam nicht mehr aus Frankfurt, ich kam jetzt aus Frankfurt (Oder).

Die meisten Menschen interessieren sich dafür, was hinter der deutsch-deutschen Grenze geschehen ist. 80 Prozent der jungen Deutschen wollen mehr darüber wissen, ergab eine Studie der Stiftung Aufklärung. Kein Wunder, es ist ja auch interessant, wie verschieden wir aufwuchsen. Anstrengend antiautoritäre Eltern? Alt-68er? Gab es bei uns fast nirgends. Der Wunsch nach straffen Zügeln bei der Kindererziehung, das neue, alte Interesse an Bürgerlichkeit? Dafür fehlen den meisten von uns die Voraussetzungen. Wir hatten Konservatismus zur Genüge. Umgekehrt kann sich im Westen niemand vorstellen, wie eine Staatsmacht agiert, die nicht abwählbar ist. Wozu es führt, wenn einen der Nachbar wegen der eigenen Denkweise anschwärzen kann. Dass es im Osten kaum Hausfrauen gab, weil sie - arbeiteten.

Warum fangen wir nicht endlich an, uns darüber zu unterhalten? Eine Kampagne, die stolz auf Deutschland machen soll, verfehlt einen guten Teil der Zuhörer, wenn sie doch wieder nur auf den westdeutsche Vorrat an Identifikationsangeboten zurückgreift. Wir sind mehr als Adenauer, Westernhagen und Fritz Walter. Wir sind eine Gesellschaft der Zugewanderten. Nicht nur die Muslime, auch Migranten anderer Herkunft und die Ostdeutschen sind betroffen, wenn westdeutsche Politiker eine Leitkultur zusammennageln, die für sie gelten soll. In der sie aber keine Rolle spielen.

Sie alle machen vierzig Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Sie alle haben andere Geschichten und andere Fragen. Ausgerechnet Innenminister Wolfgang Schäuble hat vor kurzem darauf hingewiesen, indem er feststellte, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Es würde viel verändern, wenn er etwas Ähnliches über die Vergangenheit der Ostdeutschen sagen würde.