London, Trafalgar Square, 11. Oktober 2006. Mitten auf dem Platz steht der britische Premierminister Tony Blair. Er schwitzt, nein, er schmilzt. Wasser rinnt in faustgroßen Tropfen von seiner Nase und platscht auf den Boden. Pfützen bilden sich. Wird es noch etwas wärmer, könnte er bald ganz verschwunden sein. Kaum verwunderlich, dieser Tony Blair ist aus Eis. Aktivisten der Klimaschutzkampagne "iCount" haben eine meterhohe Eisskulptur seines Kopfes aufgestellt. Wo beim echten Regierungschef das Großhirn thront, wurde seinem gefrorenem Zwilling ihr Buch eingepflanzt. Die "Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Klimaglück". iCount ist die öffentliche Kampagne von "Stop Climate Chaos" , einer Koalition aus 45 Einzelorganisationen, unter anderem Greenpeace und Oxfam . Das gemeinsame Programm: Den vom Menschen verursachten Klimawandel aufhalten. Druck auf Politiker ausüben. Es gibt erste Erfolge: Die britische Regierung wird ein Gesetz auflegen, dass die Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2050 um sechzig Prozent reduzieren soll. Einmal bereits ließ die Organisation die Muskeln spielen. Über 25.000 Menschen demonstrierten in London unter dem Banner von iCount für besseren Klimaschutz. Die Teilnehmer kamen aus dem ganzen Land, "einige sogar mit dem Fahrrad oder zu Fuß", sagt iCount-Organisatorin Lucy Pearce. Das zeigte Wirkung: Auf der Website icount.org.uk haben sich mehr als zwölftausend Menschen registriert. Inzwischen arbeiten vier fest angestellte Mitarbeiter und zahlreiche Freiwillige für Kampagne und Koalition. Der Klimawandel aber schert sich wenig um Ländergrenzen. Im Juni nächsten Jahres findet in Heiligendamm an der Ostsee der Gipfel der acht führenden Wirtschaftsnationen (G8) statt. Ginge es nach Lucy Pearce, Klimaschutz stünde ganz oben auf der Tagesordnung. Das Timing jedenfalls ist exzellent. Im Oktober kam Al Gores Film "Eine unbequeme Wahrheit" in die Kinos. Der ehemalige Vizepäsident der USA erklärt den Zuschauern die globale Erwärmung und ihre Folgen. "Es gibt Leute, die wegen des Film lokale Klimaschutzbewegungen gegründet und zur Demo nach London gefahren sind", sagt Pearce. Weiteren Schub erhielt das Thema durch eine Studie , die Nicholas Stern im Auftrag der britischen Regierung durchgeführt hat. Sein Fazit: Wenn wir nicht sofort etwas tun, wird die Wirtschaft massiv unter den Folgen des Klimawandels leiden. Pearce: "Durch diese Studie können wir mit Menschen über Klimaschutz sprechen, die zuvor keinen Gedanken daran verschwendet haben. Die britische Regierung sollte jetzt vor allem Druck auf die USA ausüben." Verhandlungen auf dem internationalen Parkett sind jedoch schwierig und zäh: Während zurzeit auf dem UN-Klimagipfel in Nairobi ein Nachfolgevertrag zum Kyoto-Protokoll vorbereitet wird, haben die Vereinigten Staaten und Australien noch nicht einmal dieses unterzeichnet. Tony Blair ist geschmolzen, übrig ist nur eine große Wasserlache. Jemand nimmt die Klimaschutzanleitung mit, die darin schwimmt. Damit den Gletschern nicht dasselbe passiert.

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