360 Tage im Jahr sind wir Berliner jung, verrückt und extrem cool. Wir schlendern die Kastanienallee auf und ab, rennen mit einem Latte to go über den Hackeschen Markt und steppen gehetzt durch die Clubs, als hätten wir immer gerade einen noch wichtigeren Termin. Wir sind die Generation Praktikum, das neue Prekariat oder die digitale Boheme, und wir haben das ganze Jahr über genug damit zu tun, uns auch so zu benehmen. Weihnachten aber ist alles anders. Noch kurz vorher stapeln sich die Leute im American Apparel Shop, um Schals und Stulpen für ihre Liebsten zu kaufen, während die Designerläden in Mitte beweisen, dass selbst Weihnachtsdeko hip aussehen kann. Jetzt aber, einen Tag vor Heiligabend, fahren alle zurück nach Hause.

Die einzigen, die in Berlin bleiben, sind Ärzte im Bereitschaftsdienst, depressive Familienneurotiker und die, die schon immer hier gewohnt haben. Die Stadt ist grau wie jeden Winter und leergefegt wie nach einem atomaren Ernstfall. Wo sonst Horden von Leuten in Armeejacken und engen Jeans die Straßen voll stopfen, wehen jetzt nur noch ein paar leere Bierdosen über den Bürgersteig. Die Bars im Osten, in denen man an normalen Abenden um jeden Zentimeter Platz kämpfen muss, sind leer, oder sie haben vorsorglich gar nicht erst aufgemacht. Mein Kiez wirkt plötzlich trist und einsam wie eine verlassene Goldgräberstadt. Nur "Bei Rosi" ist die Welt noch in Ordnung, am Tresen hängen die üblichen Verdächtigen über ihrem Herrengedeck und lachen über die steigenden Gaspreise, weil sie Ofenheizung und den Keller voll Kohle haben.

Das deutlichste Zeichen aber sind die freien Parkplätze. In meiner Gegend ist es an normalen Tagen fast unmöglich, sein Auto irgendwo abzustellen. "Ich such mal schnell einen Parkplatz" ist die beliebteste Ausrede für alle, die wirklich keine Lust haben, noch einen trinken zu gehen. Heute wünsche ich mir, ein Auto zu haben: Die Straßenränder sind so leer, dass selbst ich ohne Schwierigkeiten einparken könnte.

Morgens an Heiligabend packe dann auch ich meine Tasche und mache mich auf den Weg in den Westen. Statt Schnee hängen die Nebelwolken tief und sorgen für graue Weihnacht. Der Fernsehturm ist nicht zu sehen, und das einzige lebende Wesen auf der Straße ist ein Dackel ohne Oma. Berlin ist keine besonders schöne Stadt, das wird niemals deutlicher als zu Weihnachten. In dieser Nebelsuppe zeigt die Stadt ihre triste Seite: Graue Wohnblocks, Stapel von Sperrmüll, verlassene Baustellen. In der Luft liegt der Geruch nach Kohlenruß, und selbst die Weihnachtsbäume bei "Tannenmax" sind eher grau als grün. Mein Nachbar von gegenüber hängt im Unterhemd an der Balkonbrüstung; wie jedes Jahr hat er einen lebensgroßen Plastikschneemann auf seinem Balkon postiert, zusammen ergeben sie ein Bild des Jammers. Berliner haben keinen Geschmack – sie stecken ihr letztes Geld in alberne Weihnachtsmänner, die so aussehen, als würden sie gerade heimlich die Hauswand hochklettern, und essen Heiligabend Würstchen mit Kartoffelsalat.

Auch der Besuch bei Oma kann die Stimmung nicht aufhellen. Der fies modernisierte Plattenbau, in dem sie wohnt, war in den 70ern wahrscheinlich ultramodern. Heute hängen penetrant blinkende Sterne in jedem Fenster und die Müllschlucker sind zugeschweißt. Die gespannten Wäscheleinen auf der Gemeinschaftsgrünfläche erinnern an fröhliche Tage im Realsozialismus, in denen die Frauen bei der Hausarbeit noch gesungen haben und niemand Angst haben musste, dass ein Unbekannter heimlich die Wäsche klaut. Heute traut sich meine Oma abends nicht mehr alleine raus, die Jungs hier sehen schließlich alle aus wie Gangster.