Mein schlimmstes Silvester war eigentlich jedes Silvester bis zu meinem 17. Lebensjahr. Wenn mir andere von ihren schrecklichsten Silvester-Erlebnissen erzählen, dann ist darin die Rede von Alkoholvergiftungen, verwüsteten Elternhäusern, Gefängnisaufenthalten oder durchgekellnerten Nächten zwischen volltrunkenen Gästen. Bei mir war es schlimmer: Es geschah nichts.

Als Tochter aus gutem Hause verbrachte ich jeden Jahreswechsel im Skiurlaub. Um den zweiten Weihnachtstag verließen wir mit einem zum Bersten gepackten Auto Köln, Anfang Januar kamen wir wieder. Dazwischen lagen vollkommen ereignislose und austauschbare Nächte.

Während andernorts Menschen wilde Gelage feierten, tanzten, küssten, das Haus niederrießen, unglaubliche Abenteuer erlebten, saß ich mit meiner eigenen und einigen befreundeten Familien um einen Tisch im Hotelrestaurant. Mal waren diese Speisesäle rustikal und holzgetäfelt, mal in modernem Rosa-grau gehalten. Die Standorte wechselten jährlich. Unverändert blieb dagegen das Abendprogramm, dessen Höhepunkt meist das Abbrennen eines Tischfeuerwerkes war. Bei guter Sicht gingen wir auch mal vor die Tür um das Feuerwerk zu sehen.

Abgesehen von minimalen Abweichungen unterschied sich der Silvesterabend kaum von anderen Abenden, die wir dort verbrachten. Wir blieben immer bis zum Nachmittag auf der Piste, trafen uns dann mit einem Mordshunger zum Abendessen, stürmten die Salatbar, vertilgten Griesnockensuppen, Irgendwas-Ragout mit Rösti und Eisvariationen. Die Männer brüllten Witze über den Tisch, die Frauen lachten schrill, alle hatten schon vor dem Essen gut einen im Tee. "Die Kinder" saßen daneben und hörten zu, wie mein Vater die immer gleichen Geschichten erzählte – in späteren Jahren kannten wir diese Geschichten so gut, dass wir ihnen fast nostalgisch lauschten. Nach dem Eis gingen wir schlafen, um dann pünktlich am nächsten Morgen wieder am Skilift zu stehen.

Einziger Unterschied an Silvester: Die Griesnockensuppe hieß Consommé von Gemüse mit Nocken von Gries, statt Kalbsragout gab es Rehrücken an Prinzesskartoffeln und im Eis steckten Wunderkerzen. Außerdem wurde man nach altem ungarischen Brauch um Mitternacht von jeder einzelnen Person drei Mal auf die Wange geküsst. Das habe ich schon als Kind gehasst, richtig schlimm wurde es aber erst in der Pubertät. Etwas Peinlicheres, als die Teenagersöhne unserer Bekannten mit dem Mund zu berühren, konnte ich mir kaum vorstellen.