Jetzt sind wir mittendrin. Die Vorfreude war riesig und nach dem ersten Melancholieschub, dass das Jahrhundertereignis jetzt nur noch 62 ausstehende Spiele hat, konnte ich mich über den geglückten Auftakt freuen. Das Feiern hat alle erfasst und plötzlich werden die Dinge mit einer ganz neuen Entspanntheit hingenommen: Anderthalb Stunden Zugfahrt von Düsseldorf nach Köln stören nicht wirklich und das gestrige Spitzentreffen zur Gesundheitsreform mutet an wie eine Parodie auf die Schönheit des Lebens.

Die individualistische Gesellschaft ist plötzlich reich an Kommunikationstalenten. Man braucht sich nur einmal mit entsprechendem Outfit in der Kölner Innenstadt als Brasilianer ausgeben und wird zur Attraktion. Ob mit Händen, Füßen oder gebrochenen Sprachen, nichts wird unversucht gelassen den Freunden aus aller Welt den Weg zu weisen. Und wenn man gar nicht helfen kann, bleibt immer noch laut lachen, zuprosten und "ole, ole" singen. Dann sind auch alle zufrieden. Bei dieser WM ist jeder ein kleiner Botschafter, was man ja schon an den vielen Staatskarossen mit ihren wehenden Wimpeln sieht.

Wer keine Limo zur Hand hat, ist, in Köln zumindest, nicht unmobil. Die trendbewusste und weltoffene KVB hat zur WM ihre Think-Tanks denken lassen: So wird jetzt auf vier Sprachen mitgeteilt, dass das Einsteigen schneller geht, wenn man sich auf dem Bahnsteig dort postiert, wo wenig andere stehen. Ordnung muss sein, gefeiert wird trotzdem. Schließlich liegt die Wahrheit aufm Platz und der gestrige Auftritt der hiesigen Elf lässt ja zumindest hoffen, dass auch der Gastgeber sich dieser Wahrheit noch bis zum Ende des Turniers mit voller Inbrunst hingeben kann.

Traumtore und Infarktmomente im ständigen Wechsel - was sich vor einem Jahr schon angedeutet hat, setzt sich fort: Deutschland-Spiele sind attraktiv. Allein dafür hat der Jürgen einen Orden verdient. Mit der Truppe kann man guten Gewissens mitfiebern. Eigentlich passt da nur Arne Friedrich nicht rein. Im Gegensatz zu seinem Pendant auf der linken Seite, Philip Lahm. Ein Name ohne Programm, lässt man das juvenile Aussehen des Münchners mal außer Acht. Und das gegen Costa Rica war ja noch nicht alles.

Auf der Bank saß beziehungsweise schwebte ja noch Michael Ballack, der charismatischste Anführer seit dem Kaiser. Ballack, der Herr des Allgemeinplatzes, dieser Schlaufuchs, der die Zeichen der Zeit erkannt und somit frühzeitig auf gewinnbringendes Business-Lächeln umgeschaltet hat. Der sich dann in ein Spiel einmischt, wenn es wichtig wird. Wer mehr Informatives über den elegantesten Fußballer aller Zeiten wissen möchte, sollte sich die Homepage des dreistreifigen Ausrüsters anschauen. Unter der Rubrik „+10“ kann man tiefsinnige Fragen an Ballack stellen, die dieser dann audiovisuell beantwortet. Zwei Plätze neben Ballack hatte eine weitere Lichtgestalt Platz genommen: Oliver Kahn. Der Meister war zu Scherzen aufgelegt, was ihm viele nicht zugetraut hatten. Vielleicht ist der WM-Tagebuch-Vertrag unter Dach und Fach: "Kein Bacon am Frühstückstisch, das ist brutal, da musst du als erfahrener Spieler dann auch mal eingreifen." Man vermisste weder Ballack noch Kahn. Die anderen können es auch.