Seit gestern ist Köln fest in englischer Hand. Zum heutigen Gruppenfinale gegen Schweden werden bis zu 80.000 englische Fans in der Stadt erwartet. Der Engländer an sich ist der Freude über deutsche Fußballerfolge ja eher unverdächtig, bei einem Gespräch in der Straßenbahn, kurz nach dem souveränen Sieg der deutschen Mannschaft gegen Ecuador, kam eine Gruppe eher hartgesottener aber nur zu einem Schluss: "good team". Man war sich einig, dass Deutschland und England den Turniersieg unter sich ausmachen. Jürgen Klinsmanns Elf hatte zuvor den Eindruck des Polen-Spiels bestätigt, wenn auch die Intensivität nicht ganz so hoch war, wie im Spiel zuvor, was aber eher an den äußerst gemächlich auftretenden Ecuadorianern lag. Schön anzusehen war es trotzdem. Vom Anpfiff an war zu bemerken, dass weder Zuschauer noch Mannschaft an einem erfolgreichen Spiel zweifelten. Exemplarisch für die gute Stimmung war ein Transparent im Stadion: "Freunde zu Gast beim Weltmeister!" Die große Sause WM lässt sich halt noch ein bisschen mehr genießen, solange die DFB-Elf weiter so unbeschwert und zielgerichtet aufspielt.

Die Euphorie um die Mannschaft erfasst immer weitere Kreise der Gesellschaft. Beim ersten Gruppenspiel gegen Costa Rica waren es in der Mehrzahl noch junge Männer, die fahnenschwenkend und lustig grölend durch die Straßen zogen. Mittlerweile macht nach den Spielen so gut wie jeder beim Absingen verschiedenster Sprüche und Gesänge mit. Angesichts der Dimension und Allgegenwärtigkeit des Spektakels drängt sich dabei jedoch nicht der Eindruck des opportunistischen Partysuchers auf. Die sonst eher Fußballdesinteressierten fallen höchstens dadurch auf, dass sie, wer will es ihnen verdenken, des öfteren laut auflachen, wenn eine Gruppe Volltrunkener mit größter Inbrunst und entsprechender Dezibelzahl "Humpa, humpa, humpa täterä" intoniert. Fast noch amüsanter würde ich es finden, dass das intensive Verhältnis, dass die Fans gerade zu dieser begeisternden, jungen Truppe aufbauen, durch einen größeren Kanon an Gesängen und Sprüchen zum Ausdruck bringen. Die englischen Fans beispielsweise scheinen aus einem schier unerschöpflichen Reservoir an Liedern schöpfen zu können, was teilweise faszinierend wirkt, da jeder alle zu kennen scheint. Vielleicht liegt das jedoch einfach an der chronischen englischen Erfolgslosigkeit bei großen Turnieren, die dazu geführt hat, dass die Fans Weltmeister im „Sich-selber-feiern“ geworden sind.

Außerdem lernen wir das überregionale Feiern ja gerade erst. Angela Merkel ist da, nach der Erfahrung von vier begeisternden Spielen, deutlich weiter als Horst Köhler. Während Angie nach dem klasse herausgespielten ersten Tor freudig erregt in ihrem business seat auf und ab wippte, machte der Präsident nicht unbedingt einen losgelösten Eindruck. Merkel hingegen könnte ein Symbol des Zusammenwachsens von Land und Mannschaft werden. Vor einigen Wochen noch war nicht zu übersehen, dass die bisherige Männderdomäne Fußball ihr nicht unbedingt erstes Herzensanliegen war. Treffen mit dem Trainerstab wie das im März, machten eher den Eindruck von Pflichtschuldigkeit. Nun, nach anderthalb Wochen Leitkultur Fußball, wartet man auf Wackel-Angie fürs Armaturenbrett. Wippen für Deutschland. Und das hoffentlich noch lange.

Man bekommt ein wenig Angst, dass die Mannschaft in ihrer derzeitigen Verfassung und der unheimlichen Euphorie in Selbstzufriedenheit verfällt. Die ist ja bekanntlich der größte Feind des Berufstätigen, des Leistungssportlers im Besonderen. Es macht wohl doch Sinn, keine Zeitungen im Spielerhotel auszulegen. Klinsmanns gesamtes Konzept macht immer mehr einen durchdachten Eindruck. Ebenso an Spielern wie Poldi und besonders Arne Friedrich festzuhalten, die sich beide heute aus ihrer Minikrise rausgespielt haben dürften. Es liegt großes in der Luft.