Mein Flug zurück nach Hause geht in 12 Tagen. 90 Tage dürfte ich mit meinem Touristenvisum eigentlich bleiben. Der Grenzbeamte rechnet kurz, dann nimmt er einen Stift, streicht kurzerhand die 90 und schreibt eine fette 10 darüber. Dann erklärt er mir in strengem Dialekt, dass ich bezahlen müsse, wenn ich länger bleiben wolle. Und zwar ihn. Willkommen in Venezuela, dem Land, in dem der Sozialismus des 21. Jahrhunderts regiert.

Trotz der Revolution, die der linke Präsident Hugo Chávez vor fast 10 Jahren ausgerufen hat, ist und bleibt Venezuela eines der korruptesten Länder der Welt. Und das ist nur eines von vielen Problemen – arme, ungebildete und arbeitslose Venezolaner gibt es auch im Jahr 2007 noch immer. Chávez beteuert, dass die "alten Eliten" daran schuld seien, die Opposition ist sich dagegen einig, dass die Revolution selbst das Problem ist.

Das Konzept des Sozialismus á la Chávez ist auf den ersten Blick bekannt. Verstaatlichung der wichtigsten Industrien, von der Stromversorgung über Telekommunikationsunternehmen bis hin zur Erdölwirtschaft. Denn obwohl Venezuela einer der größten Erdölexporteure der Welt ist, lebten im Jahr 2005 nach Angaben der Vereinten Nationen 37,1 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze.

Doch das Geld aus den entprivatisierten Firmen wird für Staatskredite verwendet, um neue wirtschaftliche Aktivitäten zu fördern. Dabei entsteht eine Form der Arbeit, die nicht in erster Linie auf Profit zielt, sondern auf Beschäftigung und soziales Wohlergehen der Arbeitnehmer. Wie das geht, zeigt die Dokumentation "Fünf Fabriken – Arbeiterkontrolle in Venezuela" der Künstler Dario Azzellini und Oliver Ressler. Sie zeigt aber auch, wie fremd solche Modelle für die europäische Vorstellungskraft sind. Es gibt Betriebe, die aus den Gewinnen, die sie abwerfen, Bildungsmaßnahmen für die Arbeiter und umliegenden Dorfgemeinden fördern. Oder solche, die gezielt gesellschaftliche "Aussteiger" integrieren.

Dazu kommt ein landesweites Bildungsprogramm: Die Mission "Robinson" versucht, den Menschen in Venezuela Lesen und Schreiben beizubringen, die Mission "Sucre" hat sich zur Aufgabe gemacht, allen, die das wünschen, eine höhere Ausbildung zu gewähren. Und den Läden der staatlichen Mercal-Kette gibt es Lebensmittel, deren Preise durch Subventionen unter dem Marktpreis gehalten werden.