Es ist also geschehen: Die bekennend lesbische Schauspielerin und Talkmoderatorin Ellen DeGeneres hat die Oskarverleihung moderiert. Wie immer im Anzug. Die schwul-lesbischen Communitys der Welt jubelten schon vorher. Und auch DeGeneres selbst triumphierte: "Jetzt darf eine Lesbe sogar Gastgeberin bei den heiligen Oscars spielen. Die Zeiten haben sich wahrlich geändert."

Ist das so? Stehen die Amerikaner der Homosexualität tatsächlich offener gegenüber? Zumindest in Hollywood ist Homosexualität mittlerweile der Renner: Die auf dem Bezahlsender Showtime ausgestrahlte Serie The L-Word zeigt lesbische Frauen nicht nur am Kaffeetischchen, sondern auch im Bett. Im Film Brokeback Mountain durften vergangenes Jahr selbst Cowboys auf der Leinwand knutschen. Und in der neuen Fernsehserie Dirt tauscht Courtney Cox Zungenküsse mit ihrer ehemaligen Friends -Kollegin Jennifer Aniston aus, die eine Lesbe spielt. Und nun die Sache mit DeGeneres. Ja, es hat sich etwas geändert.

Doch Homo-Euphorie hin oder her, Hollywood ist nicht die USA. Das hat auch Ellen DeGeneres selbst verstanden. Im vergangenen Jahr hätte sie den Oscar nicht moderieren wollen, sagte sie der Gala . Eine lesbische Moderatorin, die acht Nominierungen für einen Film über zwei schwule Cowboys verkündet, wäre selbst für die Academy – und wohl erst recht für die Zuschauer – zu viel des Guten gewesen.

Es ist auch kein Zufall, dass gerade DeGeneres die erste lesbische Oscarmoderatorin wurde. Einerseits hat die Schauspielerin Symbolcharakter, weil sie mit dem fernsehöffentlichen Coming-out ihrer lesbischen Serienfigur Ellen 1997 für eine Riesenkontroverse sorgte. Damals war sie die Eisbrecherin für L-Word und Co. Andererseits ist DeGeneres die knuddelige Konsens-Lesbe der USA: Der Bohei um ihre sexuelle Orientierung liegt weit genug zurück, und ihr Auftreten ist nicht übermäßig kontrovers. Mit DeGeneres kommen mittlerweile selbst Familienväter im mittleren Westen klar.

Wenn sich in den USA also für Schwule und Lesben etwas geändert hat, dann das: Neben dem Quoten-Schwarzen, dem Quoten-Latino und der Quoten-Frau wird ab jetzt auch der ein oder andere Quoten-Homo an exponierter Stelle auftauchen. Solange die Dosis homöopathisch bleibt, wird das niemanden übermäßig verstören. Weniger Pöbeleien oder mehr Rechte für Homosexuelle bedeutet das aber noch lange nicht. Eine "Lesbe im Anzug" ändert noch nichts an der Gesinnung einer Gesellschaft, die Schwule und Lesben immer noch weithin als krank oder verirrt ansieht.