Wer heute über Krieg reden will, muss erstmal die richtigen Worte dafür finden. Im Dickicht von "Präventivschlägen", "Krieg gegen den Terror" und "bewaffneten Konflikten" kann inzwischen kaum noch jemand sagen, was Krieg überhaupt ist. Nur eines ist sicher: Krieg ist immer auch ein Kampf um Wörter, Begriffe und die Deutungsmacht, die damit einhergeht. Um diese Macht nicht ganz und gar der Politik zu überlassen, gibt es das Wörterbuch des Krieges . Im Laufe der Veranstaltungsreihe sollen 100 Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten gemeinsam 100 Begriffe rund um den Krieg entwickeln. Zum mittlerweile vierten Mal haben sie sich getroffen, diesmal in Berlin. Jeder von ihnen hat 20 Minuten, um einen Begriff vorzustellen. Die Vielfalt der Begriffe ist dabei so groß wie die Bandbreite der beteiligten Experten, einziges Ordnungsprinzip bleibt das Alphabet: Von "Alert" bis "Helikopter", von "Homefront" bis "Plündern" wird der Krieg von allen möglichen und unmöglichen Seiten beleuchtet.

"Wenn es richtig ist, dass es so etwas wie ein neues Wesen des Krieges gibt, dann taugen natürlich auch die althergebrachten Begriffe nicht mehr," erklärt Florian Schneider, einer der Veranstalter, das Konzept: "Die Begriffe, die vor allem im 20. Jahrhundert die Kriegsrhetorik bestimmt haben, haben den Krieg immer als bewaffnete Auseinandersetzung zwischen souveränen Nationalstaaten gesehen. Krieg wäre demnach immer so etwas wie ein Ausnahmezustand. Inzwischen mehren sich aber die Anzeichen dafür, dass der Krieg zum Normalzustand wird.

Dass der Krieg sich verändert hat, ist die einzige Erkenntnis, die an diesem Wochenende halbwegs sicher scheint. Was der Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz Anfang des 19. Jahrhunderts darunter verstand, war ein Krieg zwischen Nationalstaaten: ein zeitlich und räumlich begrenzter militärischer Konflikt, der zum Ziel führen sollte, wenn die Diplomatie versagt hatte, also eine "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln". Auch wenn diese Kriege nicht unbedingt erträglicher waren, gab es in ihnen doch einigermaßen klare Grenzen. Das Kriegsrecht sorgte für deutliche Trennung von Krieg und Frieden, von Kämpfern und Zivilisten, von Front und Hinterland.

Heute sind diese Grenzen längst aufgeweicht – der Krieg ufert immer mehr ins Hinterland aus. Gezielte Angriffe auf Zivilisten gehören zur Tagesordnung der neuen Kriege, und die ständige Alarmbereitschaft und Terrorangst hat große Teile der Welt in Kampfzonen verwandelt: "Es gibt keinen Frieden, der als wirksamer Gegenbegriff zum Krieg noch taugen würde", beschreibt Stephan Trüby diesen permanenten Kriegszustand. In seinem Beitrag zum so genannten "Homeland Security Advisory System" beschreibt er das fünfstufige Terrorwarnsystem der USA als absurden Auswuchs des andauernden Ausnahmezustands. Mit putzigen Werbespots und griffigen Slogans – "Don’t be afraid. Be ready." – trainiert das Heimatschutzministerium die Bevölkerung, andauernd Angst zu haben. Ein Zustand, der politisch äußerst nützlich sein kann, wenn es darum geht, unbeliebte Maßnahmen durchzusetzen.

Eine völlig andere Form des Krieges beschreibt Christian von Borries in seiner Präsentation zum Begriff "Davos/Dubai": "Kriege werden nicht mehr mit Waffen geführt, sondern durch Ausbeutung." Arbeiter aus Bangladesch, Pakistan oder Indien werden auf den Baustellen der Finanzoase Dubai zu derart schlechten Bedingungen beschäftigt, dass Borries von einer modernen Sklaverei spricht. Gegen die verzweifelte Situation dieser Arbeiter stellt er Bilder aus Davos, das sich beim jährlichen Treffen des Weltwirtschaftsforums in eine militärische Hochsicherheitszone verwandelt, damit internationale Wirtschaftsbosse ungestört über den Zustand der Welt nachdenken können.