Eigentlich hatten sich die europäischen Bildungsminister in Heidelberg getroffen, um über die gemeinsamen Werte Europas zu sprechen und vielleicht sogar das eine oder andere Projekt voranzutreiben – wie zum Beispiel ein gemeinsames Geschichtsbuch. Doch Roman Giertych, Polens Bildungsminister und Vize-Regierungschef, hatte eine ganz andere Agenda. Ihm stand der Sinn nach einer richtigen Grundsatzdebatte – zum Beispiel über ein Thema, das seit 20 Jahren erledigt ist.

"Homosexuelle Propaganda erreicht immer jüngere Kinder", sagte er vor seinen verdutzten Kollegen, er habe von einem Fall erfahren, in dem die Behörden nicht einschritten, als ein Elfjähriger an einer Homosexuellenparade teilnahm. Hintergrund dieser Äußerung ist der ganz persönliche Feldzug von Roman Giertych gegen Lesben und Schwule – "Päderasten" sagen seine Anhänger, und benutzen dann absichtlich ein veraltetes polnisches Wort, das Homosexuelle in die Nähe von Kinderschändern rückt.

Seit sechs Jahren geht das nun schon so: Giertych pöbelt nicht nur gegen "die schwule Kultur", sondern kämpft auch mit allen verbalen Waffen gegen die Abtreibung, die seiner Ansicht nach selbst in Folge einer Vergewaltigung verboten sein sollte. Er ist außerdem ein Nationalist, seine Parolen gegen Deutsche, Juden und die EU sind zwar leiser geworden, seit er Minister ist – jedoch nur, weil dafür nun die zweite Reihe seiner Parteikader zuständig ist. Und die unteren Hierarchieebenen kämpfen bisweilen auch mit Steinen und Knüppeln.

Wie konnte so ein Mann Bildungsminister werden? Und wer ist dieser Roman Giertych überhaupt?

Geboren wurde Roman Jacek Giertych im Jahr 1971 im ostpolnischen Städtchen Śrem. Schon sein Großvater war ein überzeugter Nationalist, der zwischen den Weltkriegen im Stab von Roman Dmowski mitarbeitete. Dmowski war Chef der Nationaldemokratischen Partei (ND), der endecja, deren Ziele vor allem die Verteidigung Polens gegen die deutsche und die jüdische Bedrohung waren.