Die Nationalbibliothek der USA ist groß. Library of Congress heißt sie, weil sie tatsächlich die Nachschlagewerke des Kongresses beherbergt. Dort lagern 29 Millionen Bücher und 58 Millionen Manuskripte in 470 Sprachen. Dazu kommen Filme, Musikaufnahmen, Landkarten, Comics – und vielleicht schon bald Computerspiele. Zumindest dann, wenn es nach einer Gruppe amerikanischer Wissenschaftler um den Stanford-Professor Henry Lowood geht. Die will nämlich einen Kanon der wichtigsten Computerspiele festlegen und durchsetzen, dass die Spiele archiviert werden müssen.

Eine Liste der ersten zehn Spiele, die für erhaltenswert befunden wurden, hat die Gruppe bereits bei der Library of Congress eingereicht. Spacewar! , das vermutlich erste Computerspiel ist darunter, Zork , das erste textbasierte Abenteuerspiel , Tetris , das erste Spiel, welches Menschen aller Altersgruppen gefesselt und unsere Wahrnehmung des Raumes nachhaltig verändert hat. Damit haben die Wissenschaftler für Aufsehen gesorgt. Zum einen, weil immer noch viele Menschen davon überzeugt sind, dass man Spielkram nicht in den Rang von Kulturgütern erheben sollte – und schon gar nicht Trivialkultur wie Computerspiele. Zum anderen, weil die Liste durchaus merkwürdig ist und Spiele auslässt, die man mit gutem Recht als Klassiker bezeichnen könnte, zum Beispiel PacMan oder Space Invaders .

Doch diese Fragen sind erstmal zweitrangig, sie können später geklärt werden. Die Archivare der Spiele treibt nämlich vor allem die Angst um, sie könnten ganz verschwinden. Das Problem kennt jeder, der noch einen Stapel alter Disketten für den Commodore 64 herumliegen hat, das Gerät schon vor fünf Jahren als Elektronikschrott entsorgt hat. Die Daten sind zwar noch da, nur gelesen werden können sie nicht mehr. Das scheitert schon am Format: Kein moderner Computer hat ein Laufwerk, das die großen Floppy-Disketten aufnehmen kann. Selbst wenn er es könnte: Er bräuchte ein Programm, das ihm die Daten übersetzt. Und selbst wenn es das gäbe: Ein Programm, das für Fernsehbildschirme entworfen wurde, sieht auf neuen Monitoren nicht gut aus und spielt sich auch komplett anders. Weil zum Beispiel die alten Joysticks nicht mehr funktionieren.

Das sind aber noch recht einfach zu lösende Probleme. Viel schwieriger: Wie bewahrt man die ersten Computerspiele aus den siebziger und achtziger Jahren auf, die noch auf monströsen Maschinen liefen und in Spielhallen gespielt wurden? Wie erhält man die Hardware, die Automaten , auf denen die Spiele laufen? Was ist das Erhaltenswerte, der reine Programmcode oder die Umgebung, in der er läuft? Fragen, die drängen, denn schon bald könnte die letzte lauffähige Kopie der Spiele kaputt sein.

Höchste Zeit eigentlich für den Vorstoß von Professor Lowood, auch wenn er einigen Menschen nicht passen wird – die Mutter aller Ego-Shooter steht nämlich auch auf der Liste: Doom . Natürlich, denn das Spiel legte nicht nur die Grundlage für endlose Debatten um Gewaltspiele, sondern schuf ein ganz neues Verständnis von Raum im Computer. Spielfiguren bewegten sich nicht mehr nur von oben nach unten oder von links nach rechts, sondern konnten sich in die Tiefe begeben. Auf einmal war der Raum erfahrbar, konnte erkundet werden – ein Durchbruch, der vielleicht mit der Entdeckung der Perspektive in der Malerei zu vergleichen ist. Die Technik wird längst auch für Architekturprogramme eingesetzt.