Es ist ein strahlender Frühlingssonntag, trotzdem trägt Dzima eine dicke Winterjacke. Auf meine Nachfrage ernte ich nur einen mitleidigen Blick, der so viel sagt wie: „Unerfahrenes Mädchen aus dem langweiligen Deutschland“. Man trägt warme Jacken für den Fall, dass man verhaftet wird – im Gefängnis ist es kalt. © Viktor Drachev/ AFP/ Getty Images

Genau ein Jahr ist es nun her, dass Alexander Lukaschenko, Europas letzter Diktator, sich wieder zum Präsidenten Weißrusslands wählen ließ. Die Wahlen waren gefälscht, in den Wochen danach campierten auf dem Oktoberplatz hunderte Menschen in Zelten, um gegen das Regime zu protestieren. Die Weltöffentlichkeit schaute aufmerksam zu, schließlich hatte diese Form des Protests im Jahr 2004 in der Ukraine ja auch Erfolg gehabt. War das eine zweite Orange Revolution? War es nicht. Am Ende karrten Einsatzkommandos die Menschen vom Platz.

Heute ist der Tag der Freiheit , der alte belarussische Nationalfeiertag, den Lukaschenko für seine Zwecke umdeuten will. Schon seit einer Woche liegt Spannung über der Stadt. Der Oktoberplatz sei gesperrt, haben die Nachrichten gesagt, die Geschäfte ringsum geschlossen – „Inventur“. Wie immer vor solchen Tagen häufen sich die Berichte von verhafteten Regimegegnern. Alexander Milinkewitsch, der Oppositionsführer, hat die Menschen aufgerufen, trotzdem zu demonstrieren.

Bevor wir zur Stadtmitte kommen, rufen mich Freunde an, die U-Bahn fährt die Zentralstation gar nicht mehr an. Wir steigen am Siegesplatz aus. Schon aus der Entfernung ist der Anblick beeindruckend: Menschen mit den verbotenen weiß-rot-weißen Fahnen gehen durch die Straßen, ganz Minsk scheint auf den Beinen zu sein. Sonst ist die Innenstadt um diese Zeit gespenstisch still.

In der Nähe des Oktoberplatzes soll es zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen sein, darum wird umgeplant. „Richtung Akademie der Wissenschaften “ heißt es nun. Tausende von Menschen schwenken Europaflaggen und rufen: „Es lebe Belarus“, „Belarus zu Europa“ und „Schande“. Polizeieinheiten fahren in Bussen vorbei.

Ich laufe im Demonstrationszug mit, habe Zeit, die Menschen um mich herum zu beobachten. Es sind nicht nur Studenten, wie ich vermutet hatte. Stattdessen sind hier Vertreter aller Gruppen der Gesellschaft unterwegs: Familien mit Kindern, alte Frauen, Jugendliche. Zwischen 10.000 und 15.000 sind gekommen, werden die Nachrichten später berichten. Ich betrachte eine Gruppe von Frauen, alle um die 70 Jahre alt, und versuche mir vorzustellen, was diese Damen in ihrem Leben in der Sowjetunion, in der Nachwendezeit und nun im heutigen Belarus durchgemacht haben. Woher nehmen sie die Kraft, noch immer für die Freiheit zu demonstrieren?

Meine letzte Demonstration habe ich vor genau einem Jahr in Frankreich erlebt, es ging um den Kündigungsschutz. Das hier ist anders, emotionaler. Für diese Menschen, die mit ihrer bloßen Anwesenheit ihren Studien- oder Arbeitsplatz aufs Spiel setzen, geht es um mehr: Um Grundrechte wie Versammlungs- und Meinungsfreiheit und um die Möglichkeit, in einem unabhängigen und freien Land zu leben. Die jungen Menschen hier wissen kaum, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem Straßenfeste höchstens wegen Ruhestörung aufgelöst werden. Und dann bestimmt nicht mit Knüppeln.