Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Meine Erinnerungen an die Tat sind diffus, die an das Auffliegen deutlich. Ich blickte durch das kleine Fenster hinunter in die Callé Galera, hingerissen vom spanischen Straßenleben. Das Telefon klingelte, mein Freund. Nach vier Jahren Beziehung hatten wir gerade eine Krise hinter uns gebracht. Ich würde jetzt noch drei Monate hier sein, danach sollte unser Neuanfang richtig beginnen. Jeden Tag telefonierten wir, uns vorsichtig haltend und fühlend, wie zerbrechliches Glas. Euphorisch ging ich ans Telefon. Doch seine Stimme war kalt: "Du bist echt das Letzte!" Noch wenige verletzende Worte - aufgelegt.

Es traf mich wie ein Platzregen. Für einen Moment machte ich mir vor, nicht zu wissen, was er meinte. Wollte wütend sein, über seinen Angriff und dass ich hier, in einem anderen Land, keine Möglichkeit hatte, mich zu verteidigen.

Aber die Erinnerung verdichtete sich. Es stimmte. Ich hatte ihn vor drei Jahren betrogen. Ich hatte verschwiegen, was uns beide anging, meine Affäre vertuscht. Nun kamen all die Ausflüchte und Lügen wieder hoch. Nicht, dass der Seitensprung damals etwas erschüttert hätte, im Gegenteil. Unsere Beziehung stand zu dieser Zeit auf festem Fundament. Die Affäre war nur Sex.

Was meinen Freund so wütend machte, war der stinkende Verrat.

Obwohl die Affäre nur sieben oder acht Wochen dauerte, verstrickte ich mich in einem Netz aus Lügen. Mein Gewissen brannte wie eine Halsentzündung. Dennoch entschied ich mich, dieses Geheimnis für mich zu behalten - aus Angst, zu gefährden, was mir so lieb war. Und hätte meine ehemalige Affäre sich nicht in die Exfreundin meines Freundes verliebt und ausgepackt, hätte auch das Telefon an diesem Augusttag nicht geklingelt – meine Rechnung wäre aufgegangen. Jetzt lag die Wahrheit auf dem Platz. Es war hoffnungslos.

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Ich hätte es beichten müssen. Wir hatten uns auf Treue geeinigt, ich spielte den Hasenfuß. Ich glaube nicht, dass man sich alles mitzuteilen hat. Ich habe nicht zu erzählen, dass in der Schlange bei McDonalds der knackigste Hintern dieses Planeten vor mir stand.

Ein Seitensprung ist mehr. Er ist – wenn auch kurzzeitig – der Austritt aus dem Gespann. Aus dem Zusammenschluss aus Zweien, der wechselseitiges Vertrauen erst hervorbringt. Gebe ich zu, untreu gewesen zu sein, erschüttere ich es. Aber ich spüre zumindest, ob es überhaupt da ist.

Ich erwarte von einem chronischen Lügner keine Aufrichtigkeit, vertraue ihm aber auch nicht. Mit meinem Partner ist das anders. Jeder hat  seine Vorstellung vom Richtigen im Gepäck, und was Treue angeht, sind sich Liebepaare meistens einig: sie fordern sie voneinander, können sie oft aber nur bedingt geben. Angeblich setzen immer mehr junge Paare auf körperliche Treue. In Zeiten sexueller Narrenfreiheit und Tabulosigkeit bauen sie sich emotionale Nester, suchen Geborgenheit, sagen Soziologen. Die Realität ist ein andere. Immerhin geben 20% der Frauen und 22% der Männer zu, bereits fremdgegangen zu sein. Wie hoch ist erst die Dunkelziffer?

Was tun? Einen Seitensprung dort lassen, wo er hingehört – außen vor? Die Toleranzschwelle in Sachen Untreue ist niedrig: nur 16% der Frauen geben an, einen Seitensprung zu dulden, bei den Männern sind es immerhin 22%. Manche sind überzeugt, es sei klüger, sexuelle Safaris zu verschweigen. Es reiche doch, wenn der Täter unter der Last des Wissens und schlechten Gewissens ächze. Ich schütze mein Gegenüber und opfere mich. Selbstlos?

Unsinn. Vielmehr fälle ich für meinen Partner eine Entscheidung. Nehme seine Reaktion vorweg und spekuliere darüber, welche Wahrheit er verkraften kann. "Warum hast du es mir nicht gesagt?", fragte mein Ex-Freund. Es sei erniedrigend gewesen, es von einem Dritten zu erfahren, Jahre später. Wie solle er mir je wieder vertrauen? Er hatte recht.

Die letzte Ausflucht vor dem Geständnis ist eine gedankliche Krücke: Was heißt hier lügen? Vielmehr verschweige ich doch nur etwas. Wenn der Seitensprung nichts bedeutet, nagt er auch nicht an der Liebe. Ein Notnagel - in einer brüchigen Wand. Jeder Seitensprung hinterlässt Spuren, wenn auch nur emotionale. Sollte es tatsächlich wider menschlicher Natur sein, monogam zu leben, können wir erst recht beichten. Nicht nur, um uns selbst treu zu sein, sondern auch um Seitensprünge und Affären aus ihrem Schattendasein zu befreien. Denn irgendein Schlupfloch findet die Wahrheit ohnehin. Wenn auch erst viele Jahre später.

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