Ich hätte es beichten müssen. Wir hatten uns auf Treue geeinigt, ich spielte den Hasenfuß. Ich glaube nicht, dass man sich alles mitzuteilen hat. Ich habe nicht zu erzählen, dass in der Schlange bei McDonalds der knackigste Hintern dieses Planeten vor mir stand.

Ein Seitensprung ist mehr. Er ist – wenn auch kurzzeitig – der Austritt aus dem Gespann. Aus dem Zusammenschluss aus Zweien, der wechselseitiges Vertrauen erst hervorbringt. Gebe ich zu, untreu gewesen zu sein, erschüttere ich es. Aber ich spüre zumindest, ob es überhaupt da ist.

Ich erwarte von einem chronischen Lügner keine Aufrichtigkeit, vertraue ihm aber auch nicht. Mit meinem Partner ist das anders. Jeder hat  seine Vorstellung vom Richtigen im Gepäck, und was Treue angeht, sind sich Liebepaare meistens einig: sie fordern sie voneinander, können sie oft aber nur bedingt geben. Angeblich setzen immer mehr junge Paare auf körperliche Treue. In Zeiten sexueller Narrenfreiheit und Tabulosigkeit bauen sie sich emotionale Nester, suchen Geborgenheit, sagen Soziologen. Die Realität ist ein andere. Immerhin geben 20% der Frauen und 22% der Männer zu, bereits fremdgegangen zu sein. Wie hoch ist erst die Dunkelziffer?

Was tun? Einen Seitensprung dort lassen, wo er hingehört – außen vor? Die Toleranzschwelle in Sachen Untreue ist niedrig: nur 16% der Frauen geben an, einen Seitensprung zu dulden, bei den Männern sind es immerhin 22%. Manche sind überzeugt, es sei klüger, sexuelle Safaris zu verschweigen. Es reiche doch, wenn der Täter unter der Last des Wissens und schlechten Gewissens ächze. Ich schütze mein Gegenüber und opfere mich. Selbstlos?

Unsinn. Vielmehr fälle ich für meinen Partner eine Entscheidung. Nehme seine Reaktion vorweg und spekuliere darüber, welche Wahrheit er verkraften kann. "Warum hast du es mir nicht gesagt?", fragte mein Ex-Freund. Es sei erniedrigend gewesen, es von einem Dritten zu erfahren, Jahre später. Wie solle er mir je wieder vertrauen? Er hatte recht.

Die letzte Ausflucht vor dem Geständnis ist eine gedankliche Krücke: Was heißt hier lügen? Vielmehr verschweige ich doch nur etwas. Wenn der Seitensprung nichts bedeutet, nagt er auch nicht an der Liebe. Ein Notnagel - in einer brüchigen Wand. Jeder Seitensprung hinterlässt Spuren, wenn auch nur emotionale. Sollte es tatsächlich wider menschlicher Natur sein, monogam zu leben, können wir erst recht beichten. Nicht nur, um uns selbst treu zu sein, sondern auch um Seitensprünge und Affären aus ihrem Schattendasein zu befreien. Denn irgendein Schlupfloch findet die Wahrheit ohnehin. Wenn auch erst viele Jahre später.

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