Der Gang ist dunkel, die meisten der kleinen Zimmer, die sich von dort aus öffnen, leer. Nur aus einem der hinteren Räume hört man Fickgeräusche: rhythmisches Stöhnen, dann das Lachen zweier Frauen, dann wieder Stöhnen. Scheint Spaß zu machen. Die Tür ist offen, aber man erkennt die Körper nur schemenhaft.

Es ist noch früh, erst kurz vor Mitternacht und die Sexparty im Wiener Swinger-Club Tempel noch nicht richtig in Schwung. Die Ketten im SM-Raum baumeln einsam und unbenutzt von der Decke. Die meisten Frauen stehen weiter vorn auf dem Gang oder an der Bar, rauchen und unterhalten sich. Einige tragen Korsetts oder Hotpants, andere haben sich Bärtchen angeklebt und sind als Polizisten, Matrosen oder normale Männer gekleidet. Auf ihrer Kleidung kleben Zettel mit Nummern, umrahmt von einem roten Herz. Männer sind heute Abend keine da, oder besser: niemand, der als Mann geboren wurde und es auch heute noch ist. Zutritt hatten nur "Female queers und Transgenders".

Etwas plüschig sieht es hier aus. Rote Wände, viel roter Samt, rote Rüschengardinen. Auf einem Schild neben der Bar steht "No pictures please!". An den Wänden hängen schwarz-weiß Photografien nackter Frauen – Kunst, Valie Export und so. Geschmackvoll. Einziges irritierendes Detail sind die Papierhandtuch-Spender, die hier überall an der Wand angebracht sind. Weiter hinten führt ein Gang zu den "Spielbereichen", dort gibt es einen SM-Raum und einige Betten. In einem Zimmer läuft ein Porno auf einem Flachbildschirm, aber die beiden Frauen dort beachten ihn nicht weiter, sondern unterhalten sich nur.

"Im Grunde ist ja jede queere Party eine Sexparty", sagt Linda, eine der Veranstalterinnen. "Wir haben das nur institutionalisiert, einen Raum dafür geschaffen. Auf unserer Party muss man halt nicht auf die Toiletten oder nach Hause gehen, um Sex zu haben." Linda ist eine von zehn Frauen aus der "Sex AG". Sie haben die Party als eine von vielen Veranstaltungen während des queer-feministischen Festivals Ladyfest organisiert. Unter jungen Feministinnen auf der ganzen Welt sind die Festivals mittlerweile eine Institution. Wichtigste Grundlage: Alles wird von einer Gruppe vor Ort selbst organisiert – Do It Yourself (DIY) – und Frauen stehen im Mittelpunkt. Konzerte und Ausstellungen sind ebenso auf dem Programm wie Workshops zu Studiotechnik, Sexismus im Alltag oder Fanzine-Produktion. Und diesmal eben auch eine Sexparty.

"Vorhin gab es eine Bondage-Show," erzählt Nummer 63. Sie lehnt an der Wand gegenüber der Toiletten und hat einen Longdrink in der Hand. "Aber ich habe nix gesehen, weil so viele vor mir standen. Nachher soll es auch noch eine Drag-Show geben, aber ich glaube die fällt aus. Bisher hat sich keiner angemeldet." Später erzählt sie, dass sie Platten auflegt und mit ihrem lesbischen DJ-Kollektiv regelmäßig Partys in Wien veranstaltet. Auf einer Sexparty war sie auch noch nie.