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Die Sommerluft stand. Kein Windchen kühlte die hitzigen Gemüter in den Startlöchern. Die Fingerkuppen auf der glühend roten Rennbahn brannten beim Tiefstart. Jedes Jahr waren sie die letzte Hürde vor den langersehnten Sommerferien: die Bundesjugendspiele.

Ich fühlte mich schlau. Mein Trick würde mich Hundertstelsekunden schneller ans Ziel bringen. Mit voller Blase ging ich an den Start. Je doller es drückte, desto rascher würde ich die Ziellinie überqueren, um mir endlich Erleichterung zu verschaffen. Meine Mutter hatte mir auf meine Anweisung hin einen strengen Zopf gebunden. Ich wollte schließlich so aerodynamisch wie möglich sein. In der Bahn links neben mir Alina: die Streberin mit Einser-gespicktem Zeugnis - bis auf die Sportnote. Sie hatte schon Brüste. Und die störten sie an diesem Tag nur. Es war der gerechte Ausgleich.

Meine Konkurrenz auf dem Sportplatz teilte sich in vier Lager. Lager eins: Kinder, deren Geist zu genial war, um so grobmotorische Bewegungen wie Laufen und Springen auszuführen. Lager zwei: die Schulnotenversager, deren Denkvermögen bei der Ziellinie endete, die diese aber in Lichtgeschwindigkeit hinter sich ließen. Im Sinne der ausgleichenden Gerechtigkeit bekamen die Notenversager Ehrenurkunden und die Streber-Alinas mussten lernen, dass sie nicht immer auf dem Treppchen stehen können.

Tragisch wurde es im Lager drei: Bei den Pummelchen, Brillenschlangen und Außenseitern, deren täglicher Schulbesuch ohnehin wie ein Gang durch den Hades war. Meistens unsportlich, bekamen sie es Schwarz auf Weiß: Ihr seid eine Null - auch im Sport. Billig abgespeist mit einer Teilnehmerurkunde wurden sie in einen langen Sommer geschickt.
Lager vier war mir immer unheimlich: die Alleskönner und -könnerinnen. Kinder mit erstklassigem Erbgut, hochgewachsen, sportlich und intelligent, stets sehr gut benotet und Medaillenbehangen. Einfach unanfechtbar.