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Wieso man am Monatsende immer pleite ist, dazu kann ich nichts sagen. Ich bin es nämlich nie. Dabei führe ich kein Haushaltsbuch, erstelle keine Bilanz meiner Einkünfte und Ausgaben und achte auch sonst nicht besonders auf meinen Kontostand. Ich hebe einfach Geld ab, wenn ich welches brauche oder zahle mit EC-Karte, wenn mir etwas gefällt. Am Ende bleibt trotzdem immer ein Polster von einigen Hundert Euro, das ich auf mein Sparkonto verschiebe, wenn es allzu dick geworden ist.

Woran das liegt, weiß ich selbst nicht genau. Dass ich einen Großteil meiner Lebens- und Wachzeit in den Dienst eines Arbeitgebers stelle und dafür monatlich bezahlt werde, spielt sicher eine Rolle. Aber so viel verdiene ich nun auch wieder nicht. Andere, die ebensoviel Geld im Monat haben, klagen trotzdem häufig darüber, pleite zu sein. Es muss also noch etwas anderes sein: wahrscheinlich mein Lebensstil. Meine Wohnung ist schön, aber verhältnismäßig klein und entsprechend billig. Ich habe kein Auto und will auch keins haben. Fahrrad und Bahn fahre ich ohnehin viel lieber. Ich esse gerne Falafel für drei Euro. Wenn ich verreise, übernachte ich am liebsten bei Freunden oder in Jugendherbergen. Ich habe kein einheitliches Geschirr, keine koordinierte Bettwäsche, keine Couchgarnitur und schlafe auf einer Matratze auf dem Boden.

Dass ich das alles auch noch schick finde, liegt vermutlich an meinem Elternhaus. Wie viele andere Kinder wohlhabender, bürgerlicher Eltern, pflege ich ein verklärtes, romantisches Ideal vom anspruchslosen Leben. Gerade weil ich mit Ledercouchgarnituren, Skiurlauben, Esprit-Pullovern und Meyers Lexikon in der Schrankwand aufgewachsen bin, will ich diese Dinge nicht. In einer schlecht geheizten Altbauwohnung zu wohnen, Backpacken zu gehen und Klamotten auf dem Flohmarkt zu kaufen, gefällt mir viel besser. Meine Bücher sortiere ich immer wieder aus, weil ich keinen Ballast mag. Ich empfinde es als bedrückend, mehr zu besitzen, als bequem in einen Umzugswagen passt. Einmal habe ich mir passende Rot- und Weißweingläser gekauft. Ich habe so lange schlecht geschlafen, bis ich die Hälfte von ihnen wieder zerbrochen hatte. Alles, was entfernt als bürgerlich gilt, jagt mir die nackte Angst ein.

Gut, ich gebe zu, dass sich das mittlerweile nicht auf allen Ebenen aufrechterhalten lässt. Zu meinem Pseudo-Bohéme-Lebensstil gehört auch, in Cafes zu sitzen, in denen der Milchkaffee drei Euro kostet. Der billige Wein von Aldi tut es mittlerweile auch nicht mehr, die Ansprüche erhöhen sich unmerklich. Mindestens zwei Mal die Woche gehe ich außerdem mit Freunden essen – und nicht nur beim Falafel-Laden. An solchen Abenden lassen wir locker mal dreißig Euro da und trinken auch nicht mehr den billigsten Wein. Aber – und das ist vermutlich ein weiterer entscheidender Punkt – der Großteil meiner Freunde hat genauso wenig (oder viel) Geld wie ich. Wir mögen mittlerweile auch mal für dreißig Euro essen gehen oder mit dem ICE fahren, statt mit der Mitfahrgelegenheit. Wir kaufen im Bioladen 200 Gramm Käse für sechs Euro. Aber das ist auch schon der ganze Luxus, den wir uns erlauben. Darüber hinaus ist es Standard, bei H&M einzukaufen, Fahrrad zu fahren und auf Sofas zu übernachten. Und so lange es so bleibt, werde ich auch weiterhin nicht pleite sein – egal wie viele überteuerte Milchkaffees und Sekt auf Eis ich trinke.