Es ist kurz vor zehn in Berlin Treptow, als ich zu meiner ersten Müllsafari aufbreche. "Samstagnacht ist die beste Zeit zum Containern", erklärt mein Tourguide Till, der eigentlich anders heißt, und tritt in die Pedale. Am Samstag sortieren Supermärkte die meisten Lebensmittel aus den Regalen – und genau danach suchen wir.

Gut eine halbe Stunde radeln Till und ich durch die kalte Oktobernacht. Schließlich fahren wir hinter einen Plus-Supermarkt und stellen unsere Räder vor der Laderampe ab. Im grellen Scheinwerferlicht der Supermarktbeleuchtung erstrahlen Biotonnen und zwei Müllcontainer: unser erstes Ziel.

Till ist ausgerüstet wie ein Profi. Aber dieses Mal braucht er seine Handschuhe und die Taschenlampe nicht. Die Mülltonnen sind gut ausgeleuchtet und scherbenfrei. Sie sehen aus, wie die Tonnen bei mir im Innenhof. Aber der Müll von Supermärkten wird öfter geleert als der von Privathaushalten. Deswegen riecht es hier ganz gut, fast als stünden wir im Laden. Die Spannung steigt, Till klappt den ersten Deckel nach hinten. Unter Schnittblumen liegen gut zehn Becher Buttermilch. Alle sind verschlossen und laut Aufdruck noch mindestens drei Tage haltbar – ein Volltreffer.

Till arbeitet sich durch die Tonne. Unter Salatblättern und Radieschen findet er noch ein paar Bananen und Fruchtquark. Aus dem Sechser-Pack ist ein Becher beschädigt, die anderen fünf sortiert er erst in eine dünne Gemüseplastiktüte und dann in seine dunkelblaue Fahrradtasche. In der nächsten Biotonne finden wir eine offene Tüte Tortillachips. "Wahrscheinlich der Mittagssnack der Angestellten", sagt Till. Auch sie wandert in die Tasche. Drei Pakete Weintrauben lässt er zurück und legt sie ganz nach oben in die Tonne, "Für den Nächsten der vorbeikommt". Containern ist beliebt in Berlin.

Die Motive, sich von Supermarktabfällen zu ernähren, können sehr unterschiedlich sein. Viele Leute haben schlicht und einfach nicht genug Geld sich Lebensmittel im Laden zu kaufen. Doch Till zählt sich zu der Gruppe der politisch containernden Menschen. Lebensmittel aus den Tonnen zu fischen, ist seine Art die Konsumgesellschaft zu kritisieren.