Sie müssen wissen, diese Geschichte hier ist so real wie die schuftenden Malochertypen aus den Ken Loach-Streifen. Sie spielt in einem dieser Industriehinterhöfe in Köln-Mühlheim, öffentlich subventionierte Kulturveranstalter hatten einst die Idee, in diesem barackösen Ambiente Konzerte zu veranstalten und gaben den Ruinen Namen wie Palladium oder E-Werk.

Ich verspreche ihnen hoch und heilig, nicht schon im Voraus auf diesen semi-originellen Wortwitz geschielt zu haben. Aber mein erstes E hatte ich tatsächlich im E-Werk. Es war das Jahr 2001, der 11. September hatte noch nicht stattgefunden, und der August und die dazu gehörigen Sommerferien waren eine einzige Riesensause für meine Freunde und mich. Es war einer dieser Popkomm-Abende. Die Sonne schien den ganzen Tag, wir hatten den Nachmittag am Rhein damit verbracht, unsere Tofuwürste in selbstgemachtes Knofidipp zu tauchen und uns absonderliche Kategorien für das Spiel Stadt-Land-Fluss auszudenken. Auf dem Flyer für heute stand so was wie Konzert mit Blumfeld, Goldfrapp, Phoenix und anderen, das E-Werk war schon sternhagelvoll, strammen Schrittes marschierten wir mit leuchtenden Augen hinein.

Innen auf dem Klo trafen wir einen damals noch in Köln lebenden Berliner Popstar. Man muss wissen, ich war immer ein bodenständiger Mensch gewesen, Typ Germanist, Männer wie Frauen zwischen vierzig und achtzig pfiffen mir regelmäßig hinterher, und meine Intelligenz war hochgefürchtet. Der beste Rausch, den ich mir hatte vorstellen könne, war der auf sechs Bier mit anschließendem um drei nach Hause gehen. Erzürnt hätte ich eigentlich auf das Angebot reagieren müssen, Technopillen zu schlucken. Dachte ich immer. Denn als der blonde Beau schließlich die lustig aussehenden kleinen Tabletten an meine Freunde verteilte und die sich jene lüstern in den Mund schoben, zögerte auch ich nicht eine Sekunde, es ihnen gleichzutun und schluckte alles brav hinunter. Nicht ohne das bereits im Moment des Schluckens bitter bereut zu haben. Was hatte mich denn da geritten? Weinend lief ich die Treppen hinauf, dachte über vorsorgliches Erbrechen nach, und rannte zu einer Freundin, von der ich wusste, dass sie Erfahrung mit Partytabletten hatte. Diese hätte sicherlich einen Rat und bestimmt auch einen starken Finger, welchen sie mir in den Mund stecken könnte.

Als ich ihr erzählte, ich hätte gerade aus Versehen Ecstasy genommen und bräuchte Hilfe, lachte die aber nur vergnügt und gab mir einen zarten Kuss. Sie nahm mein Gesicht in ihre feinen Hände und sagte, alles würde gut, ich solle es genießen, das erste Mal sei eine Offenbarung, eine Epiphanie. Sie sei richtig neidisch auf mich. Ich solle an den schönen Gassenhauer "Take ecstasy with me" von den Magnetic Fields denken. Und viel Wasser trinken. Kein Alkohol mehr. Damit ich richtig vorbereitet sei, wenn ich Gott träfe. Aha. Ich dachte, mit Gott treffen meint sie, ich wäre gleich tot und fing schon mal an, Abschieds-SMSe zu schreiben.

Eine Stunde lang passierte gar nichts. In der festen Überzeugung, ein Placebo erwischt zu haben, hastete ich wieder zu jener Freundin. Ich erzählte ihr, in der Tablette sei gar nichts drin gewesen, alles nur Show. Die aber entgegnete nur lapidar, ich hätte ungefähr noch fünf Minuten. Aber wenn ich gleich kuscheln wolle, dann könne ich wieder zu ihr kommen. Tränen liefen mir übers Gesicht, ich hatte Angst und dachte, wenn ich schon stürbe, dann wenigstens live auf einer Bühne. Dort würde ich mir das Hemd von der Brust reißen und mich vor dreitausend Leuten zusammen mit der französischen Band Phoenix in die Dehydration tanzen. Irgendwann fiele mein Leichnam einfach in die Menge und würde über die Köpfe hinweg zu den Sanitätern getragen, wo diese nur noch tödliche Schäden feststellen könnten. Aber das stiernackige Zuchttier vor der Bühne ließ nicht mit sich reden. Auch mein Einwand, dies sei doch mein letzter Abend, half nichts.