Wir stehen am Sprungturm und warten, dass der Alkohol uns endlich von den Füßen holt. Überall um uns herum ist Ostdeutschland. Auf dem Weg ins Freibad von Friedrichroda, das zu Beginn der Badesaison traditionell mit einer Open-Air-Party nur ansatzweise feierlich eröffnet wird, haben wir bereits hastig Dosenbier getrunken, während wir an den nicht enden wollenden Parkreihen aus tiefergelegten Opel Calibras mit Doppelauspuffrohren vorbeigingen. Aber die Alkoholmenge war deutlich zu gering, um jetzt keine Angst zu haben. © Katharina Langer/ Zuender BILD
Boris Fust arbeitet unter einer selbstausgedachten Berufsbezeichnung für ein modernes Medien- unternehmen in Berlin. In seiner Freizeit bewirbt er Duschgel und erteilt den Lesern von Männermagazinen Ratschläge für besseren Sex und schnelleres Autofahren. Sein Romandebüt „12 Stunden sind kein Tag“ erscheint im August 2008 im Piper-Verlag.

Denn die Jungs sind tough. Sie tragen Basecaps und haben jeweils einen gewaltigen Stiernacken. Die Mädchen sind putzig und haben jeweils ein Oberschlundganglion anstelle des oftmals hinderlichen Hirns, was ihnen nichtsdestotrotz anmutige Schrittfolgen zu DJ Ötzi gestattet. Außerdem ist es ihnen möglich, jede Menge „Caipi“, „Futschi“, Limettenbier und andere regionaltypische Getränkespezialitäten in den Schlund laufen zu lassen. Sie haben keine Angst. Vor nichts.

Eine kahlköpfige Kante im Stone-Island-Sweater taumelt heran, stolpert und schüttet mir sein Limettenbier in die Haare. „Scheiß Musik hier, oder was?“ Er ist rot im Gesicht, schwitzt und atmet schwer. „Ob die Musik hier beschissen ist oder was?“, schreit er zur Verdeutlichung seines Ansinnens, denn gegen den erheblichen Lärm, den die DJ-Ötzi-CD beim Abspielen von „My Bonnie is over the ocean“ erzeugt, ist nur schwer anzukommen. Ich traue mich zu nicken. Er packt mich am Arm und zieht mich hinter sich her wie eine Tigerente, die er nie hatte – vermutlich einer der Gründe für die Verrohung ostdeutscher Jugendlicher: zu wenig Janosch in der Kindheit. Durch die Hecke geht es, über die Wiese, bis wir endlich an einer etwas abseits gelegenen Parkbank angelangt sind. „Mandy + Randy was here“ ist in die gelbe Plastiksitzfläche eingeritzt. Wo die sich einstmals erstmals küssten, bis sie kein Englisch mehr konnten, werde ich nun mein Leben aushauchen. Ich schließe die Augen und erwarte die Schläge.

Blur! Das sei seine Musik. Aber zu kompliziert. Adam Green falle ihm schon leichter. Er habe sich nämlich eine Akustikgitarre gekauft. Ich öffne wieder die Augen. Der Muskelmann sitzt auf der Bank und guckt versonnen in den klaren Nachthimmel. E-Moll sei ganz einfach, G-Dur auch. C könne er ebenfalls, wenn auch nicht sehr schnell hinter D, weswegen er beim Refrain von „Knockin’ On Heaven’s Door“ noch leichte Schwierigkeiten beim Umgreifen habe. Am einfachsten sei aber alles von Ton, Steine, Scherben: „Das ist immer nur G! Immer nur G! Die ganze Zeit! Das kann jeder Arsch!“ Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Limettenbierflasche und dann noch einen und dann ist sie leer. Splitternd zerschellt sie am nächstgelegenen Baum: „Der Mariannenplatz war blau, soviel Bullen war’n da“, bölkt der Hooligan los. „Und Mensch Meier musste heulen, das war wohl das Tränengas. Und er fragte irgendeinen: Sag mal, ist hier heut 'n Fest? Sowas Ähnliches sagte einer: Großbritannien wird besetzt!“ Ich sparte mir den fälligen Hinweis auf die kleine textliche Ungenauigkeit – verzeihlich, wo doch Rio Reiser so schlimm genuschelt hat – und stimmte stattdessen mit ein. Es würde wohl doch nicht mehr auf die Schnauze geben heute Nacht.

Wir bölken den kompletten „Rauch-Haus-Song“ runter. Das lockt natürlich die örtliche Subkultur in diese ehemals stille Gegend des Freibads. Und so steht bald Dreadgelocktes, Antifa-Aktivistisches, Skatemäßiges und einiges an Studentenpack um uns herum. Sogar ein Ausländer ist dabei, den sie alle, obwohl offenkundig Türke, „Fidschi“ nennen. Alle tragen „Nazis raus“-Aufnäher und Bob-Marley-Sticker und wollen schnellstmöglich auf eine Kottenparty. Dort sei prollfreie Zone, weswegen der Scherben-Hooligan auch hierbleiben müsse, was dieser umgehend akzeptiert.

Mit einer kunterbuntbemalten Ente knattern wir über die Hügel durch die rabenschwarze Nacht, bis wir ein abgelegenes Gehöft erreichen. In einer alten Scheune befindet sich eine Zapfanlage für Bier. Ein spilleriger Indie-Boy legt System Of A Down auf, verwickelt mich in ein Gespräch über gewaltbereite ostdeutsche Jugendliche und tut mir, als ich gerade nicht hinschaue, Meth ins Bier. Als die Wirkung einsetzt, sind System Of A Down gerade mit dem letzten Stück „Lost in Hollywood“ durch. In die einsetzende Stille mischt sich nur das Geräusch von Adidas-Sneakern, wie sie gegen meine Bauchdecke treten.

Auf dem Tresen steht eine hölzerne Tigerente und blickt teilnahmslos wie immer.