Herr Karimi, Sie haben in den siebziger und achtziger Jahren in Kabul gelebt. Waren die Frauen damals freier als heute?
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Noorullah Karimis Familie handelt in Afghanistan seit drei Generation mit Schmuck und Teppichen. 1991 floh er vor dem Bürgerkrieg aus Kabul nach Deutschland. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Hamburg und betreibt ein Schmuckgeschäft . Der größte Teil seiner Familie lebt in Kabul.

Sandra Schäfer ist Filmemacherin aus Berlin. Seit November 2002 reist sie regelmäßig nach Kabul, um gemeinsam mit Elfe Brandenburger für einen dokumentarischen Film über afghanische Frauen zur recherchieren. In dieser Zeit traf sie viele politische Aktivistinnen. Sie veranstaltete dieses Jahr ein Filmfestival zu "Gender und Politik in Afghanistan" und ist Mitherausgeberin des Buchs "Kabul/ Teheran 1979ff: Filmlandschaften, Städte unter Stress und Migration

Noorullah Karimi: Es gab große Unterschiede zwischen den Frauen in Kabul und denen in den Dörfern. Die Frauen in der Stadt hatten damals mehr Freiheiten. Sie waren besser ausgebildet, konnten ohne Schleier in die Stadt gehen und arbeiten. Die Frauen in den Dörfern mussten sich verschleiern und durften nicht in die Schule. Für sie hat sich bis heute wenig geändert. Die Frauen, die man hier im Fernsehen sieht, wenn vom neuen Afghanistan die Rede ist, sind noch immer eine Minderheit.

Tragen Frauen in Kabul heute die Burka?

Sandra Schäfer: Ich hatte den Eindruck, dass die Burka im Moment strategisch verwendet wird: Frauen tragen sie, um nicht erkannt oder belästigt zu werden. Das heißt aber nicht, dass sie unmodern oder unemanzipiert sind. Viele tragen unter der Burka Jeans. Das Bild von der Burka als Symbol der Unterdrückung, das wir Deutschen haben, ist ein Missverständnis.

Können Frauen sich auch frei dagegen entscheiden, eine Burka zu tragen?

Schäfer: Viele jüngere Frauen tragen nur Kopftuch. Das aber ist anstrengender. Wenn man sich als Frau alleine und ohne Burka in der Stadt bewegt, wird man ständig von Männern angesprochen – und das ist nicht gut für den Ruf.

Karimi: Wenn eine Frau allein in die Stadt geht und von anderen Männern gesehen wird, wirft das ein schlechtes Licht auf ihre Familie. In Afghanistan gilt immer noch: eine Frau gehört ins Haus. Wenn sie eine Burka trägt, kann sie sich freier bewegen, weil niemand sie erkennt, nicht mal ihr eigener Bruder.