Oh, Herr, wie lange noch?

Meine Eltern sind Moslems, und ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ich weiß nicht, was Weihnachten für Kinder in Deutschland bedeutet, ich weiß auch nicht, was Weihnachten für Erwachsene in Deutschland bedeutet. Damit ich nicht von Neid gepackt würde und weil sie sich und mich hier integrieren wollten, haben meine Eltern früher einen Weihnachtsbaum gekauft, geschmückt, mit Kugeln und Lametta und Lichterkette und Stern oben drauf, all dem Zeug, das sonst das ganze Jahr über im Keller verstaubte. Meine Eltern haben mir auch Geschenke gekauft, aber das waren Äußerlichkeiten. Bei uns wurden keine Kekse gebacken, es gab keine Bescherung, es gab keine Bockwurst mit Kartoffelsalat, keinen Gänsebraten, keinen Rotkohl, wir gingen nie in die Mitternachtsmesse. Ich habe meine Informationen darüber, was Weihnachten für die anderen bedeutet, aus dem Fernsehen. Alles, was ich gelernt habe, ist, hinterher mit Geschenken anzugeben, wie alle anderen.

Doch auch bei uns gab es zu Weihnachten ein alljährlich wiederkehrendes Ritual: Heiligabend gingen meine Eltern immer früh zu Bett und schlossen die Schlafzimmertür ab. Ich saß allein vor dem Fernseher, aber es gab nur langweilige Sendungen, alles ohne Action, ohne Spannung, da wurden Tiere vor dem Tierheim gerettet, Obdachlose bekamen warme Mahlzeiten und dicke Socken und die Oma Geschenke von den Enkeln. Ich wartete.

Wenn ich Ritual gesagt habe, dann stimmt das nicht ganz, es gab keinen zeitlich festgelegten Ablauf, es gab zwar eine Reihenfolge, aber ich wußte nie, wann die Stimmen laut werden würden, wann sie anfangen würden, zu schreien und sich zu streiten. Manchmal passierte es noch am Heiligabend, viel öfter aber erst am nächsten Morgen. Wenn es am ersten Weihnachtstag geschah, ging ich am Heiligen Abend allein zu Bett, niemand deckte mich zu, und es machte mir nicht mal Spaß, das Zähneputzen wegzulassen.

Wenn ich denn zu Bett ging. Manchmal war das Fernsehprogramm so ermüdend, daß ich einfach im Sessel einschlief. Aber meistens saß ich da und wartete, wartete auf die lauten Stimmen, wartete darauf, daß mein Vater die Tür aufriß und wutschnaubend seine Schuhe anzog und verschwand. Manchmal wartete ich die ganze Nacht. Damals gab es noch Sendeschluß, und hinterher liefen nur noch Ameisen über den Bildschirm.