Zuender: Männlich, jung, arbeitslos, ostdeutsch und gewalttätig – so stellt man sich den typischen Rechtsextremen vor. Stimmt das heute noch?

Dr. Oliver Decker: Diesen stereotypen Rechtsextremen gibt es immer noch. Gleichzeitig findet sich rechtsextremes Gedankengut in der ganzen Gesellschaft: In beiden Teilen des Landes, in Kirchen wie in Gewerkschaften und quer durch alle Altersgruppen. Der typische Rechtsextreme aus dem Westen ist zum Beispiel männlich und über 60 – das ist kein kahl rasierter Schläger.

Zuender: Wie "messen" sie Rechtsextremismus in der Studie "Vom Rand zur Mitte"?

O. D.: Die Dimensionen, nach denen wir Rechtsextremismus untergliedert haben, sind Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, der Wunsch nach einer rechtsextremen Diktatur, die Verherrlichung der NS-Vergangenheit und Sozialdarwinismus. Das fragten wir dann in den Fragebögen und Gruppengesprächen ab. Im Fragebogen haben die Teilnehmer auf einer Skala von "stimme überhaupt nicht zu" bis hin zu "stimme voll und ganz zu" verschiedene Aussagen zu diesen Dimensionen bewertet. In den Gruppendiskussionen sprachen sie über ihren biografischen Hintergrund und über die eigene und die nationale wirtschaftlichen Lage, weil das wichtige Erfahrungen bei der Entstehung einer politischen Einstellung sind.

Zuender: Ihre Studie räumt auch mit anderen Klischees auf. Wie Sie zeigen, wählen Rechtsextreme häufiger SPD und CDU/CSU als DVU.

O. D.: Soziale Milieus bestimmen die Wählerbindung. Der rechtsextrem eingestellte Katholik aus Fulda oder der Gewerkschafter aus Essen wählt weiterhin CDU oder SPD. Die großen Parteien sind durch ihre Stärke attraktiv für Menschen, die nach Autorität suchen. Die Gefahr besteht weniger darin, dass rechtsextreme Parteien an Regierungen beteiligt werden, sondern dass die demokratischen Parteien im Kampf um Wählerstimmen versuchen, die Parolen der Rechten zu übernehmen. Dadurch kann sich auf Dauer das politische Klima insgesamt nach rechts verschieben.

Zuender: Frauen wird nachgesagt, sie könnten sich besser in Andere einfühlen. Schützt sie das vor rechtsextremem Denken?