Onkel Heiner marschiert durch den Wald. Plötzlich bleibt er stehen, reckt die Nase, atmet tief ein. Wie ein Lawinensuchhund, der Witterung aufnimmt. "Dort, wo Buchen wachsen, haben wir bessere Chancen", sagt er und zwirbelt seine Barthaare. "Chancen worauf?" - "Pfifferlinge." Er zeigt die Richtung. "Da geht´s lang."

Als kleiner Junge hast Du gedacht, Onkel Heiner könne Pilze erschnuppern. Fast jedes Wochenende seid Ihr gemeinsam durch die Wälder gezogen, immer mit kiloschwerer Beute. Maronen, Steinpilze, Hallimasch. Keine Pfifferlinge. "Warum Pfifferlinge, Onkel Heiner? Die haben wir früher nie gefunden." - "Heute finden wir welche", sagt er mit siegessicherer Stimme und öffnet ruckartig den Reißverschluss seiner Trainingsjacke – himmelblau, weiße Streifen, Löcher an den Ellenbogen.

"Deine Großmutter hat es mir versprochen." Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Du schweigst, bist verwirrt. Fünf lange Jahre hat er sie zu Hause gepflegt, tödlich für seine Träume. Kein neues Leben in Kanada, kein Holzhaus im Wald. Verpasst, zu spät, Onkel Heiner wird 66. "Was ist mit der Umgehungsstraße?", fragst Du, um das Thema zu wechseln. "Wird jetzt doch gebaut, sie wollen Endes des Jahres anfangen." - "Durch den Wald?" - "Ja! Durch den Wald!" Onkel Heiner presst die Lippen zusammen. Seit er vor gut zwei Jahrzehnten mit Deiner Mutter, seiner Schwester, den Kontakt abgebrochen hat, hast Du ihn nicht mehr gesehen. Bis zur Beerdigung, vor einer Woche. Mit deiner Mutter hat Onkel Heiner kein Wort gewechselt – zu Dir hat er gesagt: "Komm vorbei, nächstes Wochenende. Bitte!"

Nun bist Du hier. Bei Deinem Onkel, über den Du nur das weißt, was die Verwandten erzählen: Dass er im Keller an futuristischen Holzhausmodellen für die kanadische Wildnis bastelt. Dass er die lokalen Verkehrsplaner mit Skizzen und Szenarien bombardiert. Dass er aus dem Leben, das alle leben, ausgestiegen ist. Nicht erwerbstätig, kein Hartz vier, keine Sozialhilfe, keine Krankenversicherung. Onkel Heiner hat eine Pferdenatur, der wird nie krank, erzählen die Verwandten. "Warum hast Du aufgehört zu arbeiten?" Onkel Heiner ist überrascht, zögert. "Ich hatte nach der Uni einen guten Job, Volkswirt, aber dann haben die mich rausgeekelt."

Er bleibt abrupt stehen. "Warte …". Seine Augen gleiten wie ein Scanner über den Waldboden. "Da vorne, da finden wir was." Onkel Heiner bückt sich, hebt die Äste einer Fichte an, brummt zufrieden. "Eine Marone! Ein Prachtexemplar, nicht mal wurmstichig." Er zückt sein Messer und präsentiert Dir einen riesigen Pilz mit rötlichbraunem Hut.

"Du bist mein Glücksbringer, Junge. Wie früher."
"Wie war das jetzt mit dem Job?"
Onkel Heiner legt die Marone vorsichtig in den Korb, bläst die Backen auf, beäugt Dich misstrauisch.
"Mobbing! So würde man das heutzutage nennen."
"Wurdest du gekündigt?"
"Nee, ich habe denen gekündigt."
"Und dann?"
"Ab nach West-Berlin, fast zehn Jahre ... "
"Berlin? West-Berlin?"
"Bundeswehr! Reserveübungen! Mit Wohnsitz in West-Berlin konnte man sich drücken."
"Du bei der Bundeswehr?!"
Onkel Heiner schmunzelt. "Die Grundausbildung musste sein, darüber gab´s Anfang der Sechziger keine Diskussionen. Schon gar nicht bei unserem Vater." Er kratzt sich hinter den Ohren. "Seitdem hören die mich ab."

Pilze-Heiner, nennen sie ihn im Ort. Ein bezopfter Ein-Meter-fünf-und-neunzig-Hüne, der mit museumsreifen VW-Bus samt eingebauter Schlafcouch durch die Gegend fährt, gerne mitten im Wald übernachtet, sparsam lebt, regelmäßig kämpferische Leserbriefe an die Lokalzeitung schreibt und seine Kleidung bis zum letzen Fetzen austrägt. "Weißt Du was ich mache, wenn die wieder mal einen auf mich angesetzt haben?"