Der ICE hielt mitten auf der Brücke an. Nach einigen Sekunden setzte sich der Zug wieder in Bewegung, blieb aber auf Höhe des Doms erneut stehen. Jan konnte die Kirche in der Dunkelheit nur undeutlich erkennen. Plötzlich musste er die Augen zukneifen. Schlagartig war es hell geworden, weißes Licht umflutete den Dom. Er konnte ihn in allen Einzelheiten erkennen. Jan hatte den Schalter für den Strahler umgelegt.

Eine ungeheure Leistung, solch eine Kathedrale zu bauen. Schließlich konnte man den Dom nicht in einem Laden kaufen und ihn einfach auf die Platte stellen. Der Zug fuhr im Schritttempo in den Kölner Hauptbahnhof ein. Jan hatte eine schöne Fahrt gehabt. Der angestrahlte Dom, grandios. Es hatte alles funktioniert. Jan schaltete das Deckenlicht wieder an.

"Hallo, Jan." Tom stand in der Kellertür. Er hielt ein Kölschglas in der Hand, prostete Jan zu und trank. "Mensch Jan, die Anlage ist wirklich gut."Tom schob sich seinen Cowboy-Hut in den Nacken. Dann trank er wieder einen Schluck und beugte sich über Jans Landschaft. "Wie du das immer hinkriegst. Sieht alles ziemlich echt aus." - "Am Dom habe ich ganz schön lange gearbeitet", sagte Jan. "Das war viel Arbeit, aber jetzt ist alles perfekt, auch die Schienen auf der Hohenzollern-Brücke und hier am Hauptbahnhof sind neu. Ich habe gerade eine Testfahrt gemacht."

Tom nickte: "Sehr schön, dein Klein-Köln." Er lachte. Jan drehte sich weg, damit er die Bierfahne nicht riechen musste. "Komm nach oben, deine Mutter hat Berliner geholt." Jan trottete hinter Tom zur Tür. Zweimal drehte Jan den Schlüssel im Schloss und drückte anschließend die Klinke herunter, um zu prüfen, ob die Tür wirklich verschlossen war. Dann zog er den Schlüssel ab und steckte ihn in die Hosentasche. So hatte es Papa auch gemacht. Jedes Mal, wenn er den Keller verlassen hatte. Papa hatte sich nie verkleidet. Karneval hatten sie immer zusammen im Keller an der Modelleisenbahnanlage gebaut. Jedes Jahr war Köln größer geworden. Nur den Rosenmontagszug hatten sie sich zusammen angesehen. Mama, Papa, Jan.

Mama kam ihnen im Flur entgegen. Sie war als Bärbelchen verkleidet. Mit den blonden Zöpfen kam sie Jan fremd vor. Sie küsste Tom auf den Mund und bevor er sich wegdrehen konnte, küsste sie auch Jan auf den Mund. Als sie in der Küche verschwand, wischte er ihren Kuss wieder ab. Sein Handrücken war rot von ihrem Lippenstift. Er folgte Tom ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Mama brachte die Schüssel mit Berlinern, die sie vor ihm auf den Tisch stellte. Mama sagte etwas, aber Jan verstand nichts, weil Tom gerade die Musik aufdrehte. Mama und Tom sangen mit, hielten sich an den Händen, Mama schwang ihren Hintern hin und her.

Jan biss in einen Berliner und starrte auf die Maserung des Tischs. Das nächste Lied setzte ein. Tom drehte die Musik etwas leiser, die beiden setzten sich zu ihm auf die Couch. Mama goss Kölsch nach. Mama trank viel Kölsch, seit Papa nach Rosenheim zu seiner Freundin gezogen war. Sie trank jeden Tag Kölsch. Immer abends vor dem Fernseher. Manchmal weinte sie, wenn sie glaubte, dass Jan schlief. Aber Jan beobachtete sie. Einmal hatte sie ihn bemerkt und hatte ihn in ihre Arme gezogen. Sie hatte gestunken. Jan hasste Bier. Menschen, die Bier tranken, stanken. Er schnappte sich drei Berliner, lief die Treppe hinunter in den Keller.

Vom Hauptbahnhof ging es mit der S-Bahn zum Hansaring. Er genoss den Blick auf die Hochhäuser im Mediapark, die Papa noch gebaut hatte. Als die S-Bahn am Hansaring wieder anfuhr, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Poltern, eine Frau lachte. Plötzlich stand Mama in der Kellertür, hinter ihr Tom, der ihr von hinten eine Hand auf die Schulter legte. Die andere hielt das Kölschglas. Tom trank, Mama sang, sie sang laut. Tom nahm das Glas vom Mund und stimmte ein. "Bitte, geht weg", flüsterte Jan.