Es ist das alte Dilemma der Musikindustrie: Schon seit Jahren purzeln die CD-Verkäufe in den Keller und mit ihnen die Gewinne der Musiker und Labels. Internetverkäufe helfen kaum, Kopierschutz gar nicht. Eines lockt den Musikfans aber dennoch das Geld aus der Tasche: der Besuch von Live-Konzerten ihrer Helden. Die Eintrittspreise sind in den vergangenen Jahren zwar weiter gestiegen – trotzdem bleiben die Musikhallen gut gefüllt.

Immer mehr Musiker neigen dabei zu spektakulären Shows. Klar: Elvis hatte seine Tolle und den Hüftschwung, Madonna Strapse und Sex und DJ Bobo verpasst mit Grusel-Outfits und Gruppentanz dem Eurodance ein neues Gesicht. Dass Künstler auf der Bühne dem Zuschauer das gewisse Etwas bieten wollen, ist also ein alter Hut. Neu ist allerdings, dass sich heute immer mehr Bands einer Symbolik annehmen, die eigentlich schon vom Aussterben bedroht zu seien scheint und die so etwas wie die Urform von Popkultur und Unterhaltungsindustrie darstellt: der Zirkus ist zurück.

Eine dieser Bands ist die Elektro-Punk-Kapelle Bonaparte, die von dem gebürtigen Schweizer Tobias Jundt gegründet wurde. Auf der Bühne verstecken sich die Musiker von Bonaparte hinter Masken, Schminke und in Kostümen. Sie sind verkleidet als Skelette, Clowns, oder Strapse-tragende Krankenschwestern, die bei ihren Auftritten wild zwischen den Instrumenten umher tanzen. Jeder Auftritt ist anders, auch Jongleure und Feuerspucker kommen schon mal mit auf die Bühne.

Heimisch geworden ist der wilde Haufen in Berlin. Dort scharrt Tobias Jundt an die 20 Mitstreiter um sich, die (wiederum ähnlich wie die Stars im Zirkus), aus den verschiedensten Ländern kommen. Wenn der Wanderzirkus auf Tour geht, nimmt die Besetzung der Band zusätzlich auch immer wieder lokalen Musiker mit auf. "Im Zentrum unserer Zirkus-Show stand immer der Mensch", sagt Jundt. "Seien es auf Reisen Zusammengesammelte oder auch in Berlin Gestrandete. Alle tragen auf ihre Weise etwas zur Reisegruppe bei."

Der wachsende Erfolg der Shows spricht für sich: Bonaparte spielten auch schon vor Quentin Tarantino und momentan ausschließlich in ausverkauften Clubs. Auch das Publikum geht mittlerweile mit in die Manege: Fans maskieren sich wie die Band.

Ein ähnliches Show-Konzept verfolgt der in der Ukraine geborene Eugene Hütz, Frontmann von Gogol Bordello. Sein in New York lebendes Kollektiv aus amerikanischen, israelischen, russischen, und equadorianischen Musikern zelebriert auf der Bühne zu Gypsy-Punk Musik ein zügelloses Variete-Spektakel. Akkordeon, bunte Klamotten, große Trommeln und Tänzerinnen, die sich in farbenfrohen Kostümen auf das Publikum stürzen, erinnern an alte Jahrmarktszenen, als Gaukler und Musiker kleine Städte zum Leben gebracht haben. Hütz sieht aber nicht das klassische Erscheinungsbild vom Zirkus als das Hauptaugenmerk. "Ich mag den Zirkus eigentlich gar nicht. Aber mir gefallen die Idee dahinter und der historische Hintergrund.", sagt Hütz. "Einer meiner Onkel hatte einen braunen Bären, was eine Sensation war in der Region, in der er lebte. Heutzutage ist es eben immer wichtig, Menschen zu sehen, die ihr Talent benutzen, was auch immer das ist."

So wohnt dem ganzen ein besonderer Charme bei, der trotz wilder Bühnenshow eine romantische Nostalgie entstehen lässt, die auf den Rummelplätzen der Republik verloren gegangen ist. Während moderne Musiker sich gerne ausgefalleneren Lichteffekten und Visuals bedienen, verzichten Bands wie Gogol Bordello und Bonaparte ganz darauf und gehen vom digitalen wieder zum analogen Schauspiel zurück. "Ich mag diese Orte, die von der Zeit vergessen wurden. Aber ich mag vor allem die Charakteren eines Zirkus", sagt Bonaparte-Sänger Tobias Jundt, "die gauklerischen Helden hinter der Schminke, diese eigenwilligen Gestalten, die sich mit Haut und Haaren einem Leben in Leidenschaft verschrieben haben."