Es war im Sommer vergangenen Jahres als ich ihr zum ersten Mal ins Auge blickte. Ich hatte Feierabend, wir saßen in einer überfüllten Strandbar in Hamburg und tranken Cocktails. Ihr Name war Bindungsangst. Wobei sie aber gar keine SIE war, sondern ein ER und sein richtiger Name Niklas.

Wir hatten uns beim Praktikum in der Hansestadt kennen gelernt. In der einen Hand den Cuba Libre, zog Niklas mit der anderen plötzlich ein paar braune Schuhe aus seiner Tasche, obwohl er schon welche anhatte. "Ich hure gerade ein bisschen rum", sagte er. "Die, die ich anhab, sind nur fürs Praktikum." Er lachte. OK. Verstehe. Und dann redeten wir über Gott und die Frauen. Über Svenja, Katja, und Nina und viele andere, deren Namen ich schon wieder ganz vergessen habe. Über heiße Nächte und über das Wörtchen Beziehung, dass er aus dem Mund einer Frau gar nicht gerne höre. Denn Niklas hat Bindungsangst.

Niklas ist damit nicht allein, Bindungsangst liegt voll im Trend: Jeder dritte Mann und jede vierte Frau hat Angst vor einer festen Beziehung, so die Statistik einer Frauenzeitschrift. Nur ich – ich hab sie nicht. Seit sechs Jahren schon bin ich mit ein und demselben Kerl zusammen. Niklas kann das kaum glauben und schaut mich an als wäre ich ein lila-weiß gestreiftes Marsmännchen mit Segelohren. "Sechs Jahre?", ruft er entsetzt. Psst. Bitte nicht so laut. Zwischen Bikini-Popos und lüsternen Blicken der vorbeilaufenden Männer schlürfe ich meinen Frozen-Strawberry-Margharita und fange an, mich unnormal zu fühlen. Sechs Jahre mit demselben Mann: Ist mein Liebesleben etwa langweilig?

Doch dann die Rettung: Niklas ändert seine Meinung. Er hätte ja irgendwie auch gern eine feste Freundin, aber die perfekte Frau, die für ihn bester Kumpel, Seelentröster, Liebhaberin und behütende Mutter zugleich sein muss, habe er einfach noch nicht gefunden. Gut, mein Freund ist auch nicht gerade das Rundum-sorglos-Paket, aber: Verstehe.

"Das verstehste?!", fragt mich meine ebenfalls bindungsängstige Nachbarin Annika als ich ihr von meiner Begegnung mit Niklas erzähle. "Die Männer, die wollen, dass ihre Freundin zu ihnen wie eine Mutter ist, das sind die Schlimmsten." Sie muss es wissen. Schließlich arbeitet Annika gerade für eine Frauenrechtsorganisation. "Ich habe mal zu einem Typen aus Scheiß gesagt, dass ich später voll gerne Hausfrau werden würde. Seine Augen strahlten nur so vor Freude. Das war sein Todesurteil." So geht das immer: Erst verdreht Annika den Männern den Kopf, dann folgt das Halsumdrehen.

Aber normalerweise macht Annika nicht Schluss. Sie lässt Schluss machen. "Wenn ich einen Typen nicht mehr will, zicke ich einfach so lange rum, bis er von selbst die Beziehung beendet", sagt Annika. Was nicht perfekt ist, wird abgemurkst. Dabei bekommt sie diesen freudig-boshaften Blick, als sei das Töten von Beziehungen ein Riesenspaß.

Sollte ich vielleicht auch unter die Männer-Killer gehen? Ist eine feste Beziehung überhaupt noch zeitgemäß? "Nein, Nadine, Du hast es doch so gut. Sei echt froh, dass Du einen Freund hast, der Dich liebt", sagt meine beste Freundin Kathrin am Telefon. "Da draußen gibt es nicht eine einzige Person mehr, die eine feste Bindung eingehen will", jammert Kathrin. Sie ist Single. Und dann schießt sie los, erzählt mir von ihrem neuesten Liebesflop. Von Radek, den sie über eine Freundin kennen gelernt hatte. Tagtäglich machte er ihr Komplimente. Sie sei ja so ein hübsches Mädchen und kleide sich so unheimlich geschmackvoll. Doch Kathrin wollte mehr als aufgeblasene Wortballons. Ein Date. Einen Kuss. Eine Beziehung. Radek entschuldigte sich erschrocken. Er wollte ihr keine falschen Hoffnungen machen.