"Na, alles gut?" Was antwortet man denn nun am besten auf eine derartige Begrüßungsformel? "Jaja..." und weiter gehen? Dann aber rasch, weil man andernfalls noch das hinterher gerufene "Mach´s groß!" hören könnte. Gibt es eigentlich ein anderes Betätigungsfeld, in dem die Umgangsfloskeln ähnlich beschissen sind wie in der Musikbranche? BILD

Seit die Popkomm in Berlin ist, hab ich es Jahr für Jahr aufs Neue geschafft, genau zum richtigen Zeitpunkt im Urlaub zu sein, um damit der Nabelschau unterirdischer Begrüßungen und Verabschiedungen sowie vor allem dem finsteren Dazwischen zu entgehen. Diesmal hab ich es vergeigt, und da ich mich nicht tagelang bei mir daheim verbarrikadieren kann, unterziehe ich meine Sozialkompetenz wohl oder übel einer harten Prüfung.

Ich hasse Smalltalk, merke aber auch, wie mich der stete Versuch, jeder Unterhaltung ein wenig Sinn zu verleihen, mürbe macht. Über Musik rede ich eigentlich ganz gerne. Insofern bin ich auf der Popkomm besser aufgehoben als beispielsweise auf der Games Convention. Aber mit jemanden über Musik zu sprechen, ist natürlich noch mal was ganz anderes, als zugetextet oder, wie es im Fachjargon heißt, anpromotet zu werden. Der Promoter von heute hat natürlich auch nicht wie früher CDs seiner Schützlinge dabei, die man sich irgendwann anhören konnte, sondern einen iPod, um die Sache direkt vor Ort zu klären. "Und, findste gut?!" An dieser Stelle muss man mit sich dann einen der essenziellen Inhalte von Smalltalk verhandeln: Soll ich ehrlich sein? Eher nicht, denn viel zu oft sorgt Ehrlichkeit im Smalltalk beim Gegenüber nur für Irritation. In den USA würde vermutlich das komplette soziale Miteinander zusammenbrechen, wenn die Menschen plötzlich anfangen würden, dieses Konstrukt aus Halbwahrheiten und Heucheleien mit Ernsthaftigkeit zu unterwandern.

Ich weiß, man kann sich nicht immer was zu sagen haben, reden muss man manchmal trotzdem. Aber woran liegt es, dass ich mich nach fünf Minuten Smalltalk physisch und psychisch so unfassbar ausgezehrt fühle? Eigentlich bin ich sehr neugierig, deswegen stelle ich in einem Gespräch eher Fragen, als dass ich von mir erzähle. Viele Leute lassen sich aber keine Fragen stellen, weil sie einen einfach nur zutexten wollen. Am schlimmsten ist es abends bei Konzerten und in Clubs. Da ist es laut, viele sind besoffen, und so passiert es ständig, dass jemand mit den Worten "Äh, ich will dich jetzt nicht blöd von der Seite anlabern, aber..." versucht, ein Gespräch zu beginnen. Meistens denke ich mir in solchen Momenten ´Tust du aber schon´ und will gehen, bin dann aber doch freundlich und lausche den Ausführungen.

Man sagt, dass man in Deutschland auf weitaus ungelenkere Plauderer trifft als anderswo, was damit zusammenhängen könnte, dass die Deutschen sich selbst viel zu ernst nehmen. Da würden also etwas Distanz gegenüber der eigenen Person und ein wenig Selbstironie schon helfen, so wie das beispielsweise die Engländer machen. Aber vielleicht bekommen die auch vom Königshaus vorgelebt, wie man Tabuthemen umschifft, gewisse formelle Regeln einhält und trotzdem ohne Punkt und Komma schwafeln kann. In der Politik klappt das ja auch vorzüglich. Im Privaten sehe ich allerdings echt nicht ein, warum man sich nichts sagt, wenn man redet.

Hier mal ein kleiner Ausriss der letzten Popkomm-Gespräche, von Begrüßung über Hauptgesprächsinhalt zur Verabschiedung: Na? - super Wetter - Okay, bis später oder so.
Hey, wie geht´s? - das letzte Tomte-Album - Man sieht sich.
Ach, guck an! - ich sehe trotz Popkomm frisch aus - Puh, ich muss mich echt noch mal hinlegen, bevor es abends weiter geht.

Tach, der Herr! - das Hot Chip-Konzert - Lass mal phonen!
Schalömchen! - Kennste The Sunshine Underground schon? - Lass mal wieder einen trinken gehen!
Ich telefoniere äußerst ungern, und "einen trinken" gehe ich, wenn überhaupt, nur mit sehr guten Freunden. Aber, wie angedeutet, vielleicht sollte ich das alles, mich selbst eingeschlossen, nicht so ernst nehmen. Oder aber ich halte es wie Klaus Wowereit, der seine Popkomm-Eröffnungsrede mit folgenden Worten begann. "Auch wenn manche das nicht gerne hören. Ich finde es immer noch richtig, Party zu machen!"