Selten erzürnt mich mich eine Sendung im Fernsehen so sehr, dass ich tatsächlich aufspringe, das Gerät anbrülle und irgendwas in die Ecke pfeffere. Das ZDF-Nachtstudio hat mich neulich dazu gebracht. Selbst schuld, allein der Programmhinweis und die Gästeliste hätten mich stutzig machen sollen. Unter dem Thema " Der Sommer der Deutschen - Wie locker sind wir wirklich ", stand dort geschrieben: "Sind wir also mehr als 60 Jahre nach der Nazi-Diktatur trotz Grass-Beichte als "normales" Volk wieder in der Welt akzeptiert? Dürfen wir anno 2006 stolz darauf sein, Deutsche zu sein? Oder verschleiert das nationale Getöse nur die Realität über ein Land, in dem der Rassismus alltäglich ist und es durchaus noch immer "No-go-areas" für Ausländer oder Menschen dunkler Hautfarbe gibt? Kurz, bevor der Herbst nach Deutschland kommt, diskutiert Volker Panzer am virtuellen Kamin mit seinen Gästen: Matthias Matussek, Kulturchef des Spiegels, Uwe-Karsten Heye, Chefredakteur des sozialdemokratischen "Vorwärts" und ehemaliger Regierungssprecher von Gerhard Schröder, Maxim Biller, Schriftsteller und streitbarer Kolumnist seit seinen Tempojahren, Stephan Grünewald, Psychologe und Begründer des Forschungsinstituts Rheingold in Köln und Juli Zeh, der Schriftstellerin, Juristin und auch mal sozialdemokratischen Aktivistin an der Seite von Günter Grass."

Ächz, die Patriotismus-Debatte revisited, kaum weg und schon wieder da, und auch noch diskutiert in einer derart illustren Runde.

Matthias Matussek. Ist halt Matthias Matussek. Muss man ja nach seiner mehrmonatigen Rallye durch verschiedenste Talkshows schon fast sagen. Eklig und eitel für die einen, unterhaltsam und klug für die anderen. Ein Unikum sozusagen, wobei natürlich klar ist, dass nur der Spiegel sich ein Unikum als Kulturchef leisten darf. Wie auch immer, der Herr Matussek ist fürwahr ein streitbarer Charakter. Gar nicht streitbar allerdings und auch in dieser Sendung wieder deutlich: Sein entlarvend absurder Geschmack in punkto Hosenträger, von denen wir jetzt viele sehen mussten und keine schön fanden. Für seine Verhältnisse machte er im Nachtstudio allerdings einen fast defensiven Eindruck.

Was vielleicht daran lag, dass niemand (mehr) sich so richtig mit ihm anlegen wollten, was umgekehrt auch für ihn galt. Nicht mal der von Matussek wegen seiner No-Go-Areas-Debatte viel gescholtene Uwe-Karsten Heye mochte an diesem Abend den virtuellen Kamin befeuern. Überhaupt scheint das Problemkind aller in der Runde Maxim Biller gewesen zu sein. Meins auch.

Manchmal find ich die Sachen ganz gut, die der so schreibt, aber wie er da gleich bei seiner ersten Wortmeldung (gefragt wurde nach seiner Einschätzung zum Thema der Sendung generell) ohne Not gelangweilt darüber fabulierte, dass ihn eigentlich außer Sex gar nichts mehr interessiere - vor meinem inneren Auge das in Berlin allgegenwärtige Bild eines in hippen Mitte-Bars miesepetrig rumhängenden Großstadtdesperados mit Intellektuellenfreischwimmerabzeichen - das war schon ganz arm und peinlich. Irgendwie ist der Kollege auch ein bisschen in den 80ern hängen geblieben. Da wirkte es bisweilen trügerisch interessant, wenn jemand alles und jeden außer sich selbst Scheiße fand. Das hat sich aber geändert, man muss da jetzt schon ab und an mal argumentieren und was Schlaues sagen können. Müsste dem Biller mal jemand stecken.