MUSIK BERÜHRT Mir ist aufgefallen, dass ich im Rahmen dieser Kolumne bis dato kaum ein Wort über Musik verloren habe. Dabei ist Musik doch eigentlich mein Leben. Neben der Liebe, versteht sich. In diesen Tagen geht beides Hand in Hand. Tomte haben nämlich eine neue Platte gemacht. "Buchstaben über der Stadt" heißt sie, und sie ist dazu da, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Diese Woche waren Tomte bei MTV, genauer gesagt bei TRL, also der Show, bei der sich sonst Eminem, 50 Cent, Linkin Park und andere Smasher die Klinke in die Hand geben. Sänger Thees Uhlmann meinte zu mir: "Mensch, Markus - ich bei TRL! Dass ich das noch erleben darf!" Er meinte das ernst. Seine Band war nicht da, weil sie die von irgend jemand hingeschoben wurde, sondern weil sie das wollte - wie früher die Missionare, die, wenn’s blöd lief, das Ende ihrer Mission im Kannibalen-Kochtopf erlebten. Und dann standen Tomte da so auf der Bühne, vor etwa 100 Leuten, von denen nur die eine Hälfte ausgewiesene Fans, die andere gecastetes Studiopublikum war, und Thees sagte zu ihnen und den Millionen an den Fernsehschirmen, dass er "Ich sang die ganze Zeit von dir", diesen Song, der gleich kommt, seinem vor zwei Jahren verstorbenem Freund Rocco Clein widmen möchte. Einem der ganz großen aus dem Musikfernsehen, einem, der so voller bedingungslosem Glauben ans Gute war, der so sehr für andere da war, dass er sich selbst viel zu oft vergaß. Im anschließenden Talk war Thees dann ein bisschen aufgeregt, das sagte er auch vor laufender Kamera. Nachher meinte er, dass ihm zeitweise die Luft weggeblieben war, weswegen es, um runterzukommen, bestimmt auch wichtig und richtig und schön war, nach der Sendung Bier an die Fans zu verteilen und draußen bei klirrender Kälte zusammen mit ihnen zu trinken. Aber so sind Tomte. Wenn sie einem dann noch ihre ausgermergelten Indierockerarme um die Schulter legen und sagen "Alles wird gut", dann kann man nicht anders, als das zu glauben. Unterstrichen wird mit dem neuen Album. Eine unfassbar glückliche Platte ist das, und wo gibt’s denn so etwas schon noch heutzutage? Früher hat Thees Uhlmann immer über sich gesungen, und seine Texte berührten mich so, dass ich dachte, er singt über mich. Auf "Buchstaben über der Stadt" singt er jetzt tatsächlich über andere, und er tut das mit so viel Anteilnahme und Mitgefühl, dass jeder, der die Texte hört, unweigerlich denken muss, dass Thees sein bester Freund ist. Am deutlichsten wird Uhlmanns neues Selbstverständnis, wenn er bei "Walter und Gail" singt: "Bei mir ist heile Haut wo eine Wunde war / es gibt Aufgaben die zu erfüllen wären / den Traurigen die Welt erklären". Klar, er ist verliebt, das man merkt an ganz vielen Stellen auf der Platte, aber er versichert einem so glaubhaft, dass man das auch sein kann, wenn man nur nicht aufhört, daran zu glauben. Wenigstens ein winziges Türchen zum Herz muss man geöffnet lassen, dann wird es auch immer jemanden geben, der da gerne eintritt. Da kann jetzt gerne jeder "Verklärte Weicheischeiße!" rufen, aber wegen mir darf es in fünfzig Jahren ruhig Markus Kavka sein, über den folgender Text geschrieben wurde: "Ich wollte dir nicht viel sagen nur dass ich / heute ein altes Paar sah / sie lachten über sich / und hielten ihre Hände / und er küsste ihr Haar / etwas ließ mich erschaudern / etwas machte mich stolz / sie zu sehen da ganz allein / glücklich am Ende eines langen Lebens / und alles ist aus Gold". Und genau deswegen müssen Thees, Tomte, ich und alle anderen keine Angst vor dem Kochtopf haben. Markus Kavka