Die coolsten Säue waren damals immer die, die sich bäuchlings auf den Schlitten legten und dann Kopf voraus die "Todesbahn" runterbretterten. Natürlich ohne Helm, und deswegen gab es dann auch schon mal das ein oder andere "Loch im Kopf", wenn man den Zusammenstoß mit Bäumen und Steinen nicht mehr verhindern konnte, weil man sich nicht rechtzeitig vom Schlitten fallen ließ. Denn dies war die einzige Möglichkeit, die Fahrt zu stoppen. Wenn man erst mal eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hatte, half es nämlich nichts mehr, mit den Händen im Schnee zu kratzen. Die Füße brachte man erst gar nicht zum Einsatz, weil man zu weit über dem Boden war und Kniegelenke ja nun mal nicht nach vorne abknickbar sind.

Insofern sind Skeleton-Fahrer bei Olympia Weicheier, weil ihr Schlitten so flach ist, dass sie zum Steuern und Bremsen ihre Beine benutzen können. Allerdings, und das gebe ich gerne zu, sind wir damals unseren Maulwurfhügel nicht mit 130 Sachen runtergerast. 130 km/h! Das fühlt sich wahrscheinlich an, als wäre man auf der Autobahn auf die Motorhaube eines Autos geschnallt. Welche Menschen machen so etwas? Gelangweilte Stuntmen? Suizidkandidaten? Ganz und gar nicht. Dafür aber zum Beispiel Diana Sartor, eine 35-jährige Sächsin, die in ihrer Heimat eine Pension mit neun Zimmern leitet, ihre Schlitten ´Günther´ und ´Eberhard´ nennt und den Eiskanal schwanger in der neunten Woche durchbrauste. Dabei ist doch schon der Start so halsbrecherisch. Aus vollem Sprint lässt sich der Sportler dabei mit dem Bauch aufs Gefährt gleiten. Möchte nicht wissen, wie viele Anfänger sich dabei entweder die Brust stauchen oder gleich mit der Fresse aufs Eis schlagen. Aber sieht top aus, vor allem ist das Outfit um einiges verschärfter als bei den Rodlern. Die Anzüge sind enger und bunter, die Helme sehen wenigstens aus wie Helme und haben, weil ja Kopf voraus, crazy Verzierungen. Und dann rasen sie so dahin, gesteuert wird per Gewichtsverlagerung, gebremst mit den Fußspitzen. Aber: Wer bremst, verliert. Hier noch viel mehr als sonst wo. Diana Sartor schob ihren vierten Platz im Rennen etwa auf die Tatsache, dass sich Reif auf der Eisbahn gebildet hätte, wodurch ein Einsatz der Füße gleich eine ungleich größere Bremswirkung erzielt.

Ich frag mich, ob ich Skeleton nun aus ästhetischen oder katastrophentouristischen Gründen geguckt habe. Anja Huber, eine andere deutsche Starterin, war beim Training so schwer gestürzt, dass sie sich mehrere Prellungen und ein Schleudertrauma zuzog. Stell ich mir auch so mittel vor, wenn einen bei 130 km/h auf blankem Eis der eigene Schlitten überholt.

Heute ist die Entscheidung bei den Männern. Da - sagt man das so? - skeletiert Patrick Antaki, 41 Jahre alt, 127 Kilo schwer, geboren in Kairo, wohnhaft in Dallas und am Start für Libanon. An seine erste Fahrt vor vier Jahren erinnert er sich wie folgt: "Es dauerte nicht lange, da kam der erste Crash, ich verlor den Helm, knallte mit dem Kopf gegen die Bande, prellte mir links und rechts die Schulter und bekam keine Luft mehr. Der Schlitten fuhr ohne mich weiter und überall war Blut in der Bahn."

Wenn ich nicht sicher wüsste, dass der Typ niemals in Manching/Oberbayern war, würde ich schwören, dass er damals einer von den coolen Säuen auf der Todesbahn war.