Frauen anzusprechen liegt mir fern. Im meinem Leben gab es noch keine einzige dieser klassischen ´Sehen-interessant finden-hingehen-anquatschen´-Situationen - teils aus nahezu panischer Angst vor einer Abfuhr, teils aus dem Grund, weil ich mich nicht einreihen will in die Schar der´Na, öfter hier?-´ oder ´Was willste trinken-´Typen beim gleichzeitigen Eingeständnis, dass mir wohl auch nichts besseres einfallen würde.

Durch vergleichsweise banale Umstände bin ich nun in eine Sache hineingeraten, die mir hinsichtlich des männlichen Paarungsverhaltens vollkommen neue Aspekte aufzeigte. Vor ein paar Wochen fragte ein Buchverlag bei mir an, ob ich nicht Lust hätte, den amerikanischen Autor Neil Strauss bei ein paar Terminen der Lesereise zu seinem neuen Buch ´Die perfekte Masche - Bekenntnisse eines Aufreißers´ zu begleiten. "Toll, das ist ja genau NICHT mein Ding!", dachte ich so bei mir, sagte dann aber zu, weil ich zum einen Neil Strauss als Musikkritiker der New York Times und wegen seiner Biographien über Marilyn Manson und Mötley Crüe als Musikschreiber schätze, zum anderen aber auch sehr neugierig war, was hinter der Geschichte steckte.

Strauss war, zunächst aus journalistischem, später aus persönlichem Interesse, tief in die Gesellschaft der sogenannten Pick-Up-Artists eingetaucht und hat schließlich über seine Erlebnisse ein von vorne bis hinten wahres Buch geschrieben, das in Teilen so wahnwitzig ist, dass man sich das auch nicht ausdenken könnte. Zu Beginn seiner Recherchen war Strauss ein Typ mit dicker Brille und Halbglatze, mit öden Klamotten, kaum 1,70 groß und mit einem Sex-Score, der sich an einem Finger abzählen ließ. Im Laufe von nicht mal zwei Jahren wurde aus ihm der Knallertyp, der bei 80 % der Supermiezen, die er ansprach, landen konnte, Sex im dreistelligen Bereich hatte und seit anderthalb mit Lisa Leveridge, einem 1,85 Meter großen Punkrock-Model-California-Überbabe liiert ist. Sein Buch beschreibt, wie es zu all dem kam. Der Schlüssel zum Erfolg sind skurrile Internet-Zirkel, in denen sich Typen darüber austauschen, wie man am erfolgreichsten die schönsten Frauen klar machen kann, auch wenn man in punkto Aussehen und Sozialprestige nicht gerade mit Jungs wie Brad Pitt auf einer Stufe steht. Dazu gibt es verschiedene Theorien, die sich teils auf bizarren Äußerlichkeiten, teils Dreistigkeit, teils sogar auf Hypnose und Parapsychologie gründen und die weltweit in Seminaren und Workshops inklusive Erprobung am lebenden Objekt gelehrt werden.

Bei den Lesungen erwartete ich nun ein Männer-Frauen-Verhältnis von mindestens 80:20, wobei ich zusätzlich davon ausging, auf Seiten der Männer eher mit nerdigen Versagern, auf Seiten der Frauen mit Feministinnen, die gegen die respektlose Darstellung ihrer Geschlechtsgenossinnen im Buch protestieren wollten, konfrontiert zu sein. Nichts von alledem war der Fall. Außer ein paar Mittvierzigern, die offenbar den gleichen Stylingberater wie Wolfgang Thierse haben, saßen vor Neil und mir attraktive Menschen im besten Alter, und das auch noch im Verhältnis von etwa 60 % Frauen und 40 % Männer. "Können Frauen diese Methoden auch anwenden?", "Können auch Pärchen aus dem Buch Erkenntnisse gewinnen?" und "Sind Sie eigentlich schwul oder bi?", waren folgerichtig auch einige der Fragen aus dem Publikum. Ein bisschen anders war´s in Berlin, wo die Lesung erst mal nicht in einem Kiezcafé, sondern einer Buchhandlung statt fand und das Publikum neben der Laufkundschaft eindeutig männerdominiert war. Unter den anwesenden Herren befanden sich dann auch einige Pick-Up-Artists, die sich zu meinem großen Erstaunen längst in Deutschland organisiert haben und während der anderthalb Stunden höchst verzückt an den Lippen ihres Meisters hingen. Offenbar waren einige von ihnen Anhänger der Pfauentheorie, bei der es darum geht, sich möglichst schrill zu kleiden, um so die Aufmerksamkeit von Frauen zu erregen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Motto: Wer sich so´nen beschissenen Fummel anverleibt, muss zumindest Selbstbewusstsein haben und ist deswegen interessant. Und so blitzten im Auditorium immer wieder mal bescheuerte Hüte, fiese Rüschenhemden und kuriose Accessoires auf.

Verwirrt wurde ich nachhaltig durch die Tatsache, dass ich nach meiner Teilnahme an den Lesungen nun offenbar von der Community vereinnahmt wurde. Noch am gleichen Abend gaben sich in einem Berliner Club gleich mehrere Pick-Up-Artists zu erkennen und suchten den Austausch, gleiches geschah in diversen Läden am Wochenende. Sie sind überall!

Aber ich bin keiner von ihnen und werde weiterhin auch keine Frauen ansprechen. Versprochen.