Neulich las ich ein Interview mit Marissa Mayer - ihres Zeichens Anfang 30, Produktmanagerin und Vizepräsidentin bei Google. In dem Gespräch bemerkte sie im Hinblick darauf, dass das Verb ´(er-)googeln´ mittlerweile längst im normalen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat, darüber hinaus ganz richtig, dass es keine Seltenheit mehr ist, "dass Leute nach anderen Menschen aus ihrem Bekanntenkreis googeln; etwa, bevor sie mit jemanden ein Date haben".

Ein Kumpel von mir betrieb kürzlich - zuerst geschäftlich - mit einer jungen Dame Mailkorrespondenz, die sich allerdings in kürzester Zeit zu einem aufregenden handfesten Flirt mit anschließender Verabredungsabsicht entwickelte. Kurz vor Bestätigung des Dates googelte er den Namen der Lady. Seine kurze Notiz an mich: "Markus, die ist voll hässlich! Was mach ich denn jetzt?! Date platzen lassen und erst mal nicht mehr zurück mailen? Ja, das mach ich." Beim Googeln durchgefallen - eine ganz neue Facette der Annäherung.

Aber eigentlich braucht man gar keinen anderen Namen dazu. Der eigene reicht auch. Google-Guys, die narzisstisch ihre Treffer abfeiern, kennen wir alle. Ich selbst war auch mal einer. Als Google vor ein paar Jahren zur Startseite der meisten Rechner wurde und seinen großen Siegeszug antrat, konnte auch ich nicht anders und gab mehrmals pro Woche meinen Namen ein. Argumente, warum ich das tun MUSSTE, hatte ich ausreichend parat. Stimmen die biographischen Informationen, die über mich im Netz stehen? Bin ich in Interviews korrekt zitiert worden? Wie ist das Feedback auf meine Arbeit da draußen? Schließlich kann man ja nicht vollkommen ignorant aus seinem Elfenbeintürmchen über die Köpfe der Leute hinweg senden. Letzten Endes ging es aber wohl auch bei mir hauptsächlich um das, worum es bei allen Den-eigenen-Namen-Googlern geht, nämlich: Eitelkeit. Man sieht die Trefferanzahl stetig wachsen und fühlt sich auf trügerische Art und Weise in seinem Tun und Sein bestätigt. Bis man anfängt, die Sachen zu lesen, denn genau damit begann mein Problem. Aufgrund meiner Persönlichkeit bin ich so gestrickt, dass ich mit Lob und Komplimenten nicht umgehen kann. Perlt an mir ab. Kritik allerdings, besonders, wenn sie den konstruktiven Bereich verlässt und unter die Gürtellinie geht, macht mich fertig. Nun darf natürlich im Internet jeder seine Meinung kundtun, und besonders zum anonymen Abkotzen ist es ein wunderbarer Ort. Ich wurde süchtig danach, böse Sachen über mich zu lesen. Und die gibt es zuhauf, sobald man seine Fresse erst mal ins Fernsehen hält und dabei nur ein klein wenig neben der "Nett"-Spur agiert und ein bisschen polarisiert. Niemand, auch nicht die vermeintlichen Säulenheiligen im Showgeschäft, kann davon ausgehen, nur Positives über sich geschrieben zu sehen. Was ich ja - wie bereits angedeutet - sowieso ignorieren würde. Nach einer Weile merkte ich, wie sich das auf meine Arbeit auswirkte. Ich begann nachzudenken. Früher war mir alles egal, ich habe mich einfach vor eine Kamera gestellt und irgendwas erzählt. Daran, dass mein Moderationsstil, mein Aussehen und mein Humor nicht jedermanns Sache sein könnten, verschwendete ich keinen Gedanken. Nicht etwa, weil ich so unglaublich von mir selbst überzeugt gewesen wäre, sondern einfach, weil ich eben so bin, wie ich bin und mich vor einer Kamera nicht verstellen konnte und wollte. Nun ist es aber so, dass jeder Mensch von einer gewissen Anzahl seiner Mitmenschen geschätzt, von einer gewissen Anzahl aber auch für einen Langweiler oder gar ein komplettes Arschloch gehalten wird. Diese Zahl bewegt sich, sofern man nicht in der Öffentlichkeit steht, hüben wir drüben maximal im kleineren zweistelligen Bereich. Verlässt man allerdings diesen privaten Bereich, potenziert das eine wie das andere sich ins schier Unendliche. Statt 20 Leuten finden einen dann plötzlich 20.000 scheiße, und das, ohne einen wirklich zu kennen. Das nagt an einem, auch wenn man sich noch so oft einredet, dass viele der Kommentare durch eine der schlechtesten Charaktereigenschaften überhaupt motiviert sind: Neid. Ich habe lange gebraucht, bis ich das alles ausblenden konnte, die sprunghafte Entwicklung in Sachen Blogs und Foren tat da ihr übriges. (By the way - die Einträge im Zuender-Forum zum Thema "Kavka" sind ein ganz repräsentatives Destillat dessen, was Leute im Netz über mich und meine Arbeit zu sagen haben.)

Seit zwei Jahren habe ich meinen Namen nicht mehr gegoogelt. Überhaupt: Ist es nicht das Erstrebenswerteste der Welt, wenn nach der Eingabe des eigenen Namens bei Google erscheint: "Es wurden keine mit ihrer Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden"? Die Chance darauf habe ich wohl auf Lebzeiten verwirkt. Ich möchte die Halbwertszeit meiner C-Prominenz nicht überbewerten, aber wundern würde es mich nicht, wenn ich fünfzig Jahren irgendwo lesen darf: "Was macht´n eigentlich der Kavka? Schon tot, oder?"

Und, ach ja, wer weiß: Vielleicht wären mein Kumpel und sein Emailflirt auch ein tolles Paar geworden...

Markus Kavka