Wenn Fußball zum Event wird. Ohne Scheiß: Drei Tage nach der WM-Eröffnung fällt es mir immer noch schwer, das Spiel losgelöst vom Drumherum zu betrachten. Wie es sich gehört, war ich nämlich pünktlich zur Eröffnungsfeier im Stadion - eigentlich sogar überpünktlich, weil ich hinsichtlich der Anfahrt und der Einlasskontrollen mit wesentlich mehr Tamtam gerechnet hatte. Tatsächlich aber war ich von der Münchner Innenstadt aus in zwanzig Minuten am und nach weiteren 15 Minuten im Stadion. Am längsten hielt mich am Eingang nicht die Security auf, die nicht mal meinen Ausweis sehen wollte und auch sonst nur recht lasch an mir rumtatschte, sondern die Highheels-Lady, die ein Riesenfass aufmachte, weil man ihr aus Sicherheitsgründen das Gucci-Parfüm-Flakon wegnahm. Braucht man im Stadion auch nicht unbedingt, finde ich. Wie auch die komplette Lady, wenn ich da mal ganz ehrlich sein darf. Überhaupt hatte man im Stadion den Eindruck, dass nicht wenige Leute in den Besitz von Karten gekommen waren, die vorher offenbar noch nie einem Fußballspiel beiwohnten und die Veranstaltung eher als ein Spektakel und nicht als eine sportliche Auseinandersetzung verstanden. Insofern lassen sich so die schlanke Auswahl an Fangesängen (ganze drei) sowie auch Fragen der Nebensitzer wie „Ist das im Tor der Olli Kahn?“ oder „4:2, haben wir jetzt auch 4 Punkte?“ erklären. Mei, das WM-Eröffnungsspiel, jetzt haben wir Karten, dann geh’ma halt in Gottes Namen auch mal hin...

Aber zurück zur Eröffnungsfeier, die diese planlosen Nixchecker vielleicht ganz schön fanden, weil’s da ja schließlich keine komplizierten Regeln gibt und darüber hinaus auch noch eine Menge Prominenz und Zinnober gereicht wird. Aber jetzt mal ernsthaft: Habe nur ich mich gefragt, ob die WM tatsächlich in Deutschland und nicht ausschließlich in Bayern stattfindet? Ich mein, ich fand die Goaßlschnalzer, Schuhplattler und Dirndlmaderl als gebürtiger Oberbayer ja toll, war wie früher auf’m Trachtenfest, aber so ein bisschen ausgestreckter Mittelfinger Richtung Berlin war das schon, oder? Und in welcher Sprache hat eigentlich Grönemeyer gesungen? Das war doch auch bayerisch. Oder aber ganz was anderes, deutsch klang das jedenfalls nicht. Nach einer knappen Stunde war der Heckmeck überstanden und zog die Erkenntnis nach sich, dass live im Stadion erlebte WM-Eröffnungsfeiern mindestens genauso gaga wie im Fernsehen verfolgte sind.

Zum Spiel an sich ist alles gesagt. Das Wahnsinnstor von Lahm (Bayer!); Spaßbremse Wanchope, der auf mich, der ich hinterm Tor saß, für meinen Geschmack viel zu oft alleine zulief und damit nicht nur mir, sondern auch allen anderen, vor allem wohl Arne Friedrich, total auf den Sack ging; der doppelte Geburtstags-Klose; Klinsis vogelwilde Auswechslungen und schließlich das Gerät von Frings.

Darüber hinaus konnte ich für mich überprüfen, wie es denn um meinen Patriotismus bestellt ist. Christoph Metzelder hatte heute erst angemerkt, dass er sich bei den deutschen Fans mehr davon wünschen würde, „bei aller Beachtung dessen, was in der Vergangenheit passiert ist“. Klar will ich, dass wir Weltmeister werden, und ich bin auch der Letzte, der bei phantasievollen Fangesängen nicht auch mit einstimmen würde, aber so tumb „Deutschland! Deutschland“ zu grölen, fällt mir dann doch schwer. Und bei „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“ stehe ich auch nur deswegen (schweigend) auf, weil alle vor mir aufstehen und mir so die Sicht versperren. Was ich im Stadion zudem vermisste, waren die altbekannten Rituale im Zusammenspiel Stadionsprecher und Fans. Kein Brüllen der Spielernachnamen beim Verlesen der Aufstellung, kein „Deutschland: VIER! - Costa Rica: Nuuuuullllllllll!“ und kein „Danke! BITTE!“ nach dem Tor. Hat die Fifa wohl verboten, zwecks Internationalität und so. Dafür gab’s im Stadion wider Erwarten deutsches Bier und das geliebte Stadionwurschti und nicht, wie befürchet, Amiplörre und -fastfood.

Ob ich jetzt von all dem noch meinen Enkeln erzählen werde? Ja, schon. Ich war beim Eröffnungsspiel der WM in Deutschland, hatte kein Flakon dabei und wusste, dass Lehmann im Tor war und wir nach dem Sieg drei Punkte hatten. Meine Enkel werden stolz auf mich sein.