Von Boris Fust Das Problem mit kulturellen Ghettos ist, dass es für sie keinen Bebauungsplan gibt. Deshalb bleiben die Kartierungsversuche der Boulevardpresse und des feinsinnigen Feuilletons gleichermaßen erfolglos. In den allermeisten Fällen ist das natürlich vollkommen schnurz – in Berlin-Neuköln hat man andere Probleme, als von Bild und Berliner Zeitung nicht verstanden zu werden. In dem Augenblick, wo beispielsweise durch den Erfolg von Sido so allerlei in die Verwertungsmechanismen des Mainstream wechselt, wird es aber schwierig. Die jüngste Diskussion um die Aggro-Acts zeigte das deutlich. Und immerhin geht es um die Frage, wer nun Nazi ist und wer nicht. Seit geraumer Zeit leistet das Royal-Bunker-Label ganz hervorragende Dienste hinsichtlich der Vermittlung von cultural literacy. Denn die braucht man, um "Böhse Enkelz" von K.I.Z. zu verstehen. Vor einem halben Jahr verstörte die vierköpfige Crew mit dem Debüt "DasRapDeutschlandKettensägenMassaker". "Böhse Enkelz" ist ein Referenzsystem des Bösen, das deutlich an die vorangegangene Veröffentlichung gekoppelt ist. Das Zeicheninventar besteht im Grunde nur aus Penis, Penis-Zubehör, noch mehr Riesenpenis und Gewalt. Erzählerisch lässt sich daraus wenig mehr machen als Zeilen wie diese: "Ruf den Klempner, Baby, ich hab Deinen Arsch verstopft." Weil die einzelnen diskreten Zeichen ihre Bedeutung kontextuell, arbiträr bis vollkommen chaotisch wechseln, ergibt sich trotzdem ein vielschichtiges Bild, das ziemlich deutlich zeigt, welche Straßen im Ghetto gerade noch begehbar sind und welche nicht. K.I.Z., "Böhse Enkelz" (Royal Bunker / Groove Attack)