Oh ja: Es gibt da diese Balladen. Es gibt da diesen Anabolika-Rock. Und wer partout möchte, findet auch noch etwas zum Tanzen. Zum traurig sein. Zum Wut herauslassen. Zum fröhlich sein. Und zum Staubsaugen nebenher. Nun gut: Von Jeanette erwartet niemand ein Album für die Ewigkeit. Trotzdem war „Rock my Life“ ein unfreiwilliger Geniestreich: eine C-Prominenz aus dem Vorabend-TV, die sich wahlweise in knatschenger Ledermontur oder Unterwäsche präsentierte und per Roxette-Rip-off einen auf Rockschlampe machte. Das Doro-peschige Gegenstück zur ganz und gar keimfreien Sarah Connor hatte sich die Marketing-Abteilung schön ausgedacht und mit mittelschwerem Budget ins Werk gesetzt. Reizvoll daran war, dass das alles zu keiner Sekunde überzeugend rüberkam. Das Ergebnis der Gloss-Produktion wirkte menschlich, wo es doch glamourös hätte sein sollen. Jeanette war der Mensch in der Image-Maschine, „Rock my Life“ derart größenwahnsinniger Trash, dass man das Album durchaus lieb haben konnte. Diesmal zielt die Kommunikationsabsicht auf das Ende der Unbedarftheit. Die Musik ist comme il faut, die Coverfotos sind nicht mehr geeignet, das sittliche Empfinden zu stören – Jeanette wird also als gereifter Charakter präsentiert. Und wie das eben so ist mit der Erwachsenenhaftigkeit: sie ist langweilig. Der Plattenfirmenmann hätte gut daran getan, die legendären Worte zu sprechen: „Ich höre keine Single!“

Jeanette, „Naked Truth“ (Polydor / Universal)