Zu Beginn war Bob Dylan nur ein verschrobener Typ, der mit selbstgebastelten Gedichten die Frauen bezirzte. Erstaunlicherweise gelang nicht nur das hervorragend. Schon bald hielt man den verschrobenen Typen für einen Poeten, ach was, einen Literaten. Die FAZ übte sich anlässlich der aktuellen Albumveröffentlichung bereits in einem Grass-Vergleich und fand heraus, dass frühjugendliche Sympathie für das Militär "sein Werk nicht rückwirkend beschädigt" habe.

In der Tat: Wer Grass liest, hört auch Dylan. Denn Dylan gilt der Popmusik als innerer Kompass, seine Platten werden als Wasserscheide zwischen Gut und Böse betrachtet. Und da ist es relativ schnurz, dass sich Dylans Songs auch auf "Modern Times" reichlich prosaisch anhören. "Spirit on the Water" ist ein holzschnittartiges Liebeslied à la "Sie konnten einander nicht kommen". Dylan-Apologeten scheuen sich indes nicht, Alttestamentarisches wie Kains Brudermord in die schlichte Country-Ballade hineinzuinterpretieren.

Vielleicht haben sie Recht: Bedeutung produziert schließlich nicht das Denotat, sondern der umgebende Diskurs. Und im Dylan-Diskurs wird profane Lyrik wie "When it keeps on raining / The levee’s gonna break" (aus "The Levee’s gonna break") zur allerkompliziertesten Weisheit hochgejazzt. Wie das geht? Warum das so ist? Das sind Fragen, die man seinem Vater schon immer mal stellen wollte. Es wird der Tag kommen, an dem die Babyboomer sich erklären müssen.

Bob Dylan, "Modern Times" (Columbia / SonyBMG)

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