Wenn sich U- und E-Musik so richtig Mühe geben, den ach so tiefen Graben zwischen ihnen mal ganz doll zu überwinden, entsteht dabei meist Entsetzliches: Konzertzugaben des Kronos-Quartetts mit schlecht programmierten Drumcomputern, Steve-Reich-Remixes aus den Neunzigern oder die gleichermaßen anbiedernden wie anmaßenden Versuche der London Sinfonietta, halsbrecherische Computer-Breaks von Warp-Acts auf klassischen Instrumenten nachzuspielen. Es gibt aber auch gelungene Gegenbeispiele: Von Respekt vor den Vorlagen und Augenmaß für die eigene Rolle zeugen zum Beispiel die wunderbaren Einspielungen von Kraftwerk-Hits durch das Balanescu-Quartett – oder auch diese kongenial kitschige Trance-Version von Samuel Barbers "Adagio for Strings", die vor ein paar Jahren durch getönte GTI-Golfscheiben wummerte. Und Jimi Tenor selbst hat ja vor ein paar Jahren mit einer viel respektloseren Strategie der Grenzüberschreitung ebenfalls große künstlerische Erfolge gefeiert: Auf seinem bislang besten Album, "Out of Nowhere", nahm er sich diverse Versatzstücke avantgardistischer Tonsprachen des 20. Jahrhunderts und fügte sie elegant in seine eigene Vision von trashig schwülem Disko-Rock ein.

Tenors neues Album mit dem schon orthographisch reichlich prätentiösen Ansinnen der "ReComposition" im Titel ist dagegen weder von kongenialer Einfühlung noch von nonchalanter Einverleibung der anderen Seite geprägt. Stattdessen wird da lustlos aufeinandergepfropft, was nicht zusammengehört. Sieben Avantgardisten des vergangenen Jahrhunderts müssen dafür herhalten, völlig unvermittelt mit Fetzen aus dem Tenorschen Klanguniversum überkleistert zu werden. Beim Lesen der Tracklist mag man sich noch nach dem Sinn der Auswahl des Ausgangsmaterials fragen: Reich, Varèse, Boulez, na klar, aber wer ist Esa-Pekka Sallonen? Und warum fehlen Ives, Messiaen, Ligeti, Cage, Stockhausen? Nach dem Durchhören wundert man sich dann nur noch, was das Ganze überhaupt soll. War es als ironische Illustration der Rede von den "Parallelgesellschaften" gedacht? Oder ging es nur darum, im CV die Kooperation mit einem staatlich subventionierten Hause wie der Deutschen Oper in Berlin stehen zu haben, wo das Machwerk letztens uraufgeführt wurde? Was auch immer es war, wir wollen es schnell vergessen und auf erfreulichere Neuigkeiten aus dem Hause Tenor warten.

Jimi Tenor, "Deutsche Grammophon ReComposed" (Universal)